Warum niemand mehr von Schonkost spricht

14.10.2020
Nicht angebraten, unbedingt fettarm, kaum gewürzt: Was als Schonkost auf den Tisch kommt, scheint kaum schmackhaft. Gourmets können jedoch aufatmen - das Konzept ist überholt. Aus gutem Grund.
Der eine verträgt Brokkoli, der andere nicht - die «angepasste Vollkost» in der Ernährungstherapie nimmt auf solche Individualitäten Rücksicht. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Der eine verträgt Brokkoli, der andere nicht - die «angepasste Vollkost» in der Ernährungstherapie nimmt auf solche Individualitäten Rücksicht. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Neubrandenburg (dpa/tmn) - Bei Schonkost denken wohl die meisten an labberiges und fades Krankenhaus-Essen. Und der Begriff hält sich hartnäckig - obwohl es ihn eigentlich gar nicht mehr gibt.

An seine Stelle ist die «angepasste Vollkost» getreten, bei der mehr auf individuelle Bedürfnisse eingegangen werden soll. Seinen Ausgang nahm das Ende der Schonkost durch einen Paradigmenwechsel in der Medizin Ende der 70er Jahre: Die Schonung der Patienten verlor an Bedeutung, die Liegezeiten wurden kürzer. Und auch die Ernährung veränderte sich.

«Die Patienten wurden nicht mehr geschont, sondern sollten möglichst schnell stabilisiert werden, damit eine abwechslungsreiche und gesundheitsfördernde Ernährungsweise möglich ist», erläutert Sabine Ohlrich-Hahn, Vizepräsidentin des Verbandes der Diätassistenten - Deutscher Bundesverband ( VDD) und Mitarbeiterin im Studiengang Diätetik an der Hochschule Neubrandenburg.

Bei der Schonkost ist das nicht der Fall: «Die Ernährung ist einseitig, es werden Dinge weggelassen, die eigentlich wichtig wären», erläutert die Expertin. Außerdem werden nicht alle Bedarfe gedeckt. Als Beispiele nennt sie die unzureichende Ballaststoffzufuhr und den Mangel an hochwertigen Fetten. So eine Ernährung rege zudem nicht zum Essen an und trage auch nicht zum Wohlbefinden bei.

1978 wurde der Begriff Schonkost durch den der «leichten Vollkost» ersetzt. Diese Ernährungsweise sollte durch das Weglassen bestimmter Lebensmittel oder Garmethoden zwar leichter verdaulich sein als die Vollkost, aber trotzdem den Bedarf in allen Bereichen abdecken.

Mit Anpassungen besser durch den Alltag kommen

Allerdings ist auch der Begriff der leichten Vollkost inzwischen überholt: 2019 wurde er im Leitfaden für Ernährungstherapie in Klinik und Praxis ( LEKuP) durch «angepasste Vollkost» ersetzt. Hier sollen vor allem individuelle Unverträglichkeiten berücksichtigt werden.

«Gegessen werden kann, was vertragen wird», erläutert Ohlrich-Hahn das Konzept. «Einer könnte täglich Brokkoli essen, der andere bekommt davon Blähungen. Und beide haben Recht. Das ist ein Phänomen, das man nicht erklären kann.»

In der Regel merkt man im Laufe der Zeit, welche Lebensmittel Beschwerden wie Bauchweh und Blähungen oder ein Völlegefühl auslösen und kann darauf verzichten. So ernährt man sich dann ganz im Sinne der angepassten Vollkost. Zwingend ratsam ist der Verzicht für Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder diagnostizierten Lebensmittelintoleranzen.

Im Zweifel kann man ein Ernährungstagebuch führen und sollte Beschwerden ärztlich abklären lassen. Aber dies sei nur ein erster Schritt und reiche nicht aus, weil es das Problem in der täglichen Ernährung nicht löse, betont Ohlrich-Hahn. Schließlich müsse man auch Alternativen finden, um eine einseitige Ernährung zu vermeiden. Hier kann eine professionelle Ernährungsberatung helfen.

Fruchtmus und Suppen nach der OP

In der Regel könne man seinem Körper vertrauen, sagt Prof. Diana Rubin aus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM). «Bei einer Durchfallerkrankung hat man in der Regel keinen Appetit und isst automatisch fettarm und leichter verdaulich», erläutert die Leiterin des Zentrums für Ernährungsmedizin am Vivantes Klinikum Berlin.

Auch nach größeren Operationen kann die Vollkost, selbst wenn sie angepasst ist, Beschwerden verursachen. «Bei uns gibt es dann die sogenannte Basiskost», erklärt Rubin. Nach Eingriffen an der Bauchspeicheldrüse oder Magenentfernungen stehen dann zum Beispiel zunächst Suppen, Brei, Weißbrot, Fruchtmus und vor allem eiweißreicher Joghurt auf dem Speiseplan.

Auch wenn Suppe, Brei und Co. nach wenig klingen: «Die Ernährung nach Operationen ist viel progressiver geworden. Früher gab es längere Nüchternphasen und einen langsameren Kostaufbau», weiß Rubin. «Heute können Patienten beispielsweise bereits einen Tag nach einer Blinddarmentfernung wieder leichte Vollkost essen.»

© dpa-infocom, dpa:201013-99-928705/5

Leitfaden Ernährungstherapie in Klinik und Praxis (pdf)

Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner

Vivantes: Zentrum für Ernährungsmedizin

Verband der Diatassistenten


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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