Viele Menschen sind offen für Gesundheits-Apps

09.03.2020
Zum Arzt per Video, die Krankschreibung für den Chef digital und Pillen-Rezepte elektronisch: Viele Deutsche begrüßen Innovationen im Gesundheitswesen. Doch was den Alltagsgebrauch angeht, sind sie oft noch skeptisch - auch aus Datenschutzgründen.
Viele Menschen in Deutschland begrüßen digitale Angebote im Gesundheitsbereich. Foto: Michael Kappeler/dpa
Viele Menschen in Deutschland begrüßen digitale Angebote im Gesundheitsbereich. Foto: Michael Kappeler/dpa

Frankfurt/Main (dpa) - Viele Menschen in Deutschland stehen digitalen Gesundheitsdiensten offen gegenüber. Vor allem junge Leute begrüßen Angebote wie elektronische Rezepte und Krankschreibungen, zeigt eine Umfrage der Beratungsgesellschaft PwC.

Die Skepsis gegenüber der konkreten Nutzung im Alltag und die Angst vor Datenmissbrauch sind aber groß. Und ältere Bürger ab 55 Jahren können sich mit elektronischen Diensten, die die Bundesregierung ausbauen will, weniger anfreunden.

Gesundheits-Apps und Telemedizin kommen gut an

Konkret finden in der Umfrage, an der 1000 Menschen teilnahmen, rund drei Viertel digitalisierte Verwaltungsprozesse «sehr gut» oder «gut» - und ebenso Gesundheits-Apps auf Kosten der Krankenkasse. Diese können Patienten bei der Einnahme von Arzneien unterstützen oder Blutzuckerwerte für Diabetiker dokumentieren. 60 Prozent begrüßen prinzipiell die Stärkung von Telemedizin, heißt es in der repräsentativen Umfrage, die der dpa vorliegt. Ebenso groß ist die Zustimmung für die Idee, eine zentrale Gesundheitsdatenbank zu schaffen, auf die Forscher etwa zur Analyse von Therapien zugreifen könnten.

Gefragt, ob sie Dienste im Alltag nutzen würden, fällt die Zustimmung der Befragten aber nicht mehr so eindeutig aus. Eine Mehrheit gibt es noch für elektronisch übermittelte Krankschreibungen - 56 Prozent befürworten diese klar, 31 Prozent würden «vielleicht» umsteigen.

Bei elektronischen Rezepten aufs Smartphone sagen 41 Prozent, sie könnten sich vorstellen, diese «auf jeden Fall» zu nutzen, 35 Prozent antworten mit «vielleicht». Während bei den 18- bis 34-Jährigen eine knappe Mehrheit für digitale statt Papier-Rezepte ist, halten sich über 55-Jährige zurück (33 Prozent). Noch skeptischer sind Patienten bei Videosprechstunden: Nur 16 Prozent befürworten sie klar, 38 Prozent sind unentschieden. Auch hier ist bei den Älteren die Ablehnung groß. Und 46 Prozent aller Befragten können sich «nicht» oder «eher nicht» vorstellen, Telemedizin zu nutzen.

Groß sind zudem die Sorgen um Datenschutz. 93 Prozent der Befragten finden, persönliche Daten sollten nicht ohne Zustimmung weitergegeben werden. 77 Prozent fürchten, dass ihre Daten an kommerzielle Anbieter gehen könnten. «Der Schutz von Patientendaten muss daher beim Ausbau der Telematik-Infrastruktur im deutschen Gesundheitswesen an oberster Stellen stehen», sagt PwC-Gesundheitsexperte Michael Burkhart.

Ärztevertreter Datenschutz

Die Bundesregierung will die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorantreiben. Seit dem das Fernbehandlungsverbot für Ärzte gelockert wurde, tüfteln auch Klinikbetreiber wie Rhön-Klinikum und Fresenius Helios an Telemedizin-Angeboten. Diagnosen per Video, App oder Telefon könnten manchen Besuch in der Arztpraxis überflüssig machen, Patienten Zeit sparen und auch gegen den Medizinermangel auf dem Land helfen. Ärztevertreter mahnen aber, Datenschutz und die Einwilligung von Patienten müssten höchste Priorität haben.

Bestimmte Apps fürs Handy können Patienten zudem nach einem Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) künftig von der Kasse bezahlt bekommen, wenn ihr Arzt sie verschreibt. Ein Jahr tragen die Kassen die Kosten, in dieser Frist müssen App-Anbieter den Nachweis einer besseren Versorgung liefern.

Kassenärzte erwarten zunächst eine begrenzte Nachfrage nach neuen digitalen Angeboten für Patienten. «Bei manchen Krankheiten werden Apps sinnvoll und hilfreich sein und einen tatsächlichen Mehrwert bringen», sagte jüngst der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen. «Dass es einen Hype gibt, glaube ich eher nicht.» Bei elektronischen Patientenakten sei der Nutzen für Ärzte begrenzt. «Patienten haben das Recht, Daten für einen Arzt unsichtbar zu stellen, was völlig in Ordnung ist.» Aus der Akte könne daher aber auch keine Haftung für den Arzt entstehen.

Mit Blick auf elektronische Akten, die Patienten ab 2021 zur freiwilligen Nutzung angeboten werden sollen, sagte Gassen: «Es wird junge EDV-affine Patienten geben, die die digitale Akte in größerem Umfang nutzen - und andere, die sagen, das interessiert mich nicht.»

Studie


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Mehr digitale Angebote sollen für Patienten vom nächsten Jahr an zu nutzen sein. Foto: Michael Kappeler/dpa Gesundheits-Apps kommen bald auf Rezept Beim Arztbesuch läuft oft noch viel auf Papier. Die große Koalition will deswegen Tempo machen, um endlich einen Durchbruch für die Digitalisierung zu schaffen. Geht das für manche auch zu schnell?
Wer medizinische Apps benutzt, gibt sensible Daten von sich preis. Das macht hohe Sicherheitsstandards für den Umgang mit diesen erforderlich. Foto: Sebastian Gollnow/dpa Datenschutzbeauftragter: Gütesiegel für Gesundheits-Apps Mehr als 100 000 Gesundheits-Apps gibt es inzwischen. Damit können Patienten Vorsorge betreiben und Ärzte mobil über Krankheiten verständigen. Das birgt Gefahren, warnen die Landesregierung der oberste Datenschützer von Rheinland-Pfalz. Was also tun?
Ob Videosprechstunden oder Online-Terminvereinbarungen - die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) wollen die Digitalisierung der Arztpraxen voranbringen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa Arztpraxen sollen digitaler werden Bei größeren Beschwerden gehen die meisten wohl lieber direkt ins Behandlungszimmer. Viele andere Fragen könnten Patienten aber auch über neue Technologien mit ihrem Arzt klären. Wie kommt das voran?
Eine Woche nach dem Beginn flächendeckender Schulschließungen in Deutschland zieht der Grundschulverband (GSV) eine positive Zwischenbilanz. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/dpa Lehrerverbände: Homeschooling läuft noch nicht reibungslos Seit einer Woche haben die meisten Schulen in Deutschland geschlossen. Wie kommen Lehrer und Schüler damit klar? Eine Zwischenbilanz.