Richtiges Medikament, falsche Diagnose - Kasse muss zahlen

17.11.2020
Die Übernahme von Behandlungskosten sorgt immer wieder für Streit zwischen Patienten und Krankenkassen. Ein besonderer Fall ist vor dem Landessozialgericht Hessen gelandet.
In der Regel müssen Kassen nur für Medikamente zahlen, die für die Behandlung bestimmter Krankheiten auch zugelassen sind. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
In der Regel müssen Kassen nur für Medikamente zahlen, die für die Behandlung bestimmter Krankheiten auch zugelassen sind. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Darmstadt (dpa/tmn) - Nur wenn Medikamente für eine Erkrankung zugelassen sind, müssen Krankenkassen in der Regel die Kosten dafür übernehmen. Doch was ist, wenn die ursprüngliche Diagnose der Ärzte falsch ist und sich später zeigt, dass das Arzneimittel für die tatsächliche Erkrankung zugelassen ist?

Dann muss die Kasse auch rückwirkend zahlen, wie ein Urteil des Landessozialgerichts Hessen zeigt (Az.: L 8 KR 687/18),auf das die Arbeitsgemeinschaft Medizinrecht im Deutschen Anwaltverein hinweist.

Im konkreten Fall ging es um einen Mann, bei dem zunächst eine Ganglienentzündung diagnostiziert wurde. Die Ärzte wollten ihn mit Immunglobulinen behandeln. Doch die Kasse lehnte die Kosten dafür ab. Begründung: Das Medikament sei dafür nicht zugelassen. Der gesetzlich krankenversicherte Mann ließ sich auf eigene Kosten behandeln. Dann stellte sich heraus: Es steckte eine autoimmun bedingte Entzündung der Spinalhinterwurzel hinter seinen Beschwerden. Für diese Erkrankung sind Immunglobuline zur Behandlung zugelassen.

Der Mann klagte auf Kostenübernahme - und hatte Erfolg. Die Kasse musste ihm rund 35 000 Euro zahlen. Ihre Argumentation, dass der Mann erst ab dem Zeitpunkt der geänderten Diagnose Anspruch auf Erstattung habe, ließ das Landessozialgericht nicht gelten. Die Ablehnung einer Leistung bleibe auch dann rechtswidrig, wenn diese Rechtswidrigkeit sich erst im Verlauf des Verfahrens zeige.

© dpa-infocom, dpa:201116-99-353823/2

Urteil im Wortlaut


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Hat der Chirurg bei der Operation etwas verkehrt gemacht? Wer den Verdacht hat, sollte sich zuerst an den Arzt wenden. Foto: Friso Gentsch Was bei Verdacht auf Behandlungsfehler zu tun ist Ein Patzer bei der Operation, eine falsche Behandlungsmethode oder Hygienemängel in der Praxis - beim Arzt- bzw. Klinikbesuch kann jede Menge schieflaufen. An wen sollten sich Patienten wenden, wenn sie einen solchen Fehler vermuten?
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat im April in einem «Rote Hand Brief» geraten, dass Ärzte Fluorchinolone nur noch im Einzelfall verschreiben. Foto: Julian Stratenschulte Gefährliche Antibiotika trotz Nebenwirkungen oft eingesetzt Die teils erheblichen Nebenwirkungen von Fluorchinolon-Antibiotika sind lange bekannt - trotzdem werden die Präparate noch häufig verschrieben. Ein Versagen der Arzneimittelüberwachung, kritisieren Experten.
Verschreiben Ärzte ihren Patienten die ganzen Blüten, müssen sie auf dem Cannabis-Rezept genau angeben, wie sie dosiert und eingenommen werden müssen. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa-tmn Cannabis auf Rezept: Was Patienten wissen sollten Kaum ein Gesetz hat so großes Aufsehen erregt wie die Zulassung von Cannabis als Medikament zum Beispiel gegen Schmerzen. So einfach wie es sich mancher vorstellt, bekommt man Cannabis auf Kosten der Krankenkasse allerdings nicht.
Mit der elektronischen Patientenakte sollen medizinische Unterlagen an einer Stelle digital gebündelt werden. Foto: Halfpoint/Westend61/dpa-tmn Was Sie zur E-Patientenakte wissen müssen Keine Ordner voller medizinischer Unterlagen mehr, stattdessen vom Befund bis zur Therapie alles in einer App. Das verspricht die neue elektronische Patientenakte. Doch zum Start gibt es Kritik.