Mit Hilfe der Brailleschrift zu mehr Unabhängigkeit

04.01.2019
In Österreich ist eine von Geburt an blinde Frau Lebensberaterin für Nicht-Blinde. Die fast 200 Jahre alte Brailleschrift hat ihr auf dem Weg dorthin geholfen. Neue Technologien können für Blinde Segen sein - oder Fluch.
Constanze Hill ist von Geburt an blind. Sie arbeitet seit 20 Jahren als Lebensberaterin. Foto: A.C. Schiffleitner/Hill Woltron GmbH
Constanze Hill ist von Geburt an blind. Sie arbeitet seit 20 Jahren als Lebensberaterin. Foto: A.C. Schiffleitner/Hill Woltron GmbH

Linz (dpa) - Constanze Hill hat den Spieß umgedreht: Nicht ihr wird geholfen, sie hilft anderen Menschen. Die 44-jährige Österreicherin, von Geburt an blind, arbeitet seit 20 Jahren als Lebensberaterin.

Erst als Frau am Sorgentelefon bei diversen österreichischen Radiosendern, im Fernsehen, als Autorin von drei Büchern und seit wenigen Tagen als Coach mit eigener Praxis in Linz. «Es erfüllt mich, den sogenannten Nicht-Blinden dabei zu helfen, zu sehen, was sie wollen und wie sie es bekommen können», sagt die Mutter eines 16-jährigen Sohns und einer 11-jährigen Tochter.

Selbstständig mit Unterstützung der Brailleschrift

Wichtiger Baustein für ihre weitgehende Unabhängigkeit, für ihre Ausbildung und ihre Kenntnis von der Welt war die Brailleschrift. Die 1825 von Louis Braille entwickelte Punktschrift für Blinde, an deren Bedeutung am Welt-Braille-Tag (4. Januar) erinnert wird, verliert nach Überzeugung von Hill aber an Wichtigkeit.

Dank Hörbüchern, Sprachbefehlen und vielen technischen Hilfsmitteln würden die mit den Fingerspitzen ertastbaren Punkte weniger bedeutsam, sagt Hill, die sich auch zur Sexualberaterin weitergebildet hat. «Mittlerweile kann man ohne Brailleschrift leben», meint sie.

Orientierung im Haushalt

Das sieht nicht jeder so. «Beschriftungen in Braille in Aufzügen, an Türen oder auf Medikamentenpackungen sind extrem wichtig für die Selbstbestimmung», sagt die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Verena Bentele. Die Punkte ermöglichten auch Orientierung im Haushalt, wenn zum Beispiel Gewürzdosen mit Brailleschrift beklebt würden.

Der Trend zu Touchscreens ist nach Meinung von Bentele für Blinde sehr kritisch. An Herd und Waschmaschine fehlten zunehmend Knöpfe und Drehschalter. «Was für die einen modern und gut zu bedienen ist, stellt blinde und sehbehinderte Menschen vor ein großes Problem», sagt die mehrfache Weltmeisterin und Goldmedaillengewinnerin bei den Paralympics im Biathlon und Skilanglauf.

Die Brailleschrift braucht viel Platz

In Deutschland leben nach Angaben des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands schätzungsweise 150.000 Blinde und 500.000 Menschen mit Sehbehinderungen - Tendenz steigend. Viele erblinden erst im Alter, was die Umstellung auf ein Leben ohne Augenlicht umso schwieriger macht.

Inzwischen haben sich auch bestimmte Urlaubsanbieter auf die Bedürfnisse von Sehbehinderten eingestellt. Auf Kreuzfahrtschiffen ist nach Angaben der Branche Blindenschrift an den Griffen in den Gängen oder an den Kabinen mittlerweile oft Standard. Auf einem Schiff gibt es sogar einen eigenen Braille-Drucker an Bord, um zum Beispiel das Tagesprogramm in Blindenschrift zu drucken. Das generelle Problem mit der Brailleschrift: Sie braucht viel Platz. Ein Band aus der Harry-Potter-Reihe umfasst laut Experten mehrere Aktenordner, die Bibel füllt einen ganzen Aktenschrank.

Schärfung der restlichen Sinne

Für Hill ist das Führen eines selbstbestimmten, aktiven Lebens ganz normal. Und sie hat auch den Anspruch, optisch attraktiv zu sein. Voller Stolz erzählt sie, wie sie 25 Kilogramm dank Intervallfasten abgenommen hat.

Ihre Behinderung sei in ihrem Job eher ein Vorteil. «Ich bin beim Gespräch von den Augen nicht abgelenkt», beschreibt sie die volle Konzentration auf die Anliegen der Ratsuchenden. Es komme ihr auch so vor, als habe das Gehirn die Kapazitäten frei, die es sonst für die Verarbeitung optischer Reize brauche. Ärgerlich sei es zwar, wenn Taxifahrer sie und ihren Blindenhund wieder einmal nicht mitnähmen, und ein Einkauf im Supermarkt ohne fremde Hilfe sei auch nicht möglich. Aber die Schärfung der restlichen Sinne helfe über viele alltägliche Hürden. «Sie hören, dass das Fleisch durch ist. Hören sie einfach ihrem Schnitzel zu!»

Welt-Braille-Tag

Hill beim Verlag Ueberreuter


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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