Meditatives Unkrautzupfen: Gärtnern kann auch Therapie sein

10.06.2016
Millionen Deutsche buddeln gern in ihren Gärten. Einige von ihnen gärtnern aus therapeutischen Gründen - weil sie suchtkrank sind, dement oder einen Hirntumor haben.
Eine Frau gießt Wasser auf kleine Salatpflanzen. Foto: Frank Rumpenhorst
Eine Frau gießt Wasser auf kleine Salatpflanzen. Foto: Frank Rumpenhorst

Berlin (dpa) - Liebevolles Tomatenzüchten, gedankenversunkenes Umtopfen und jeden Tag zur selben Zeit den Rasen mähen: Gärtnern erfüllt viele Menschen in Deutschland, sei es im Schrebergarten oder auf dem eigenen Balkon. Das Buddeln in der Erde ist so manchem der Garant für einen strukturierten Tag.

Manchmal aber auch ein bisschen Katharsis und Alltagsflucht. Nicht umsonst erfreut sich in den Großstädten Urban Gardening großer Beliebtheit. Warum eigentlich? «Da sind viele Selbstheiler am Werke», sagt Konrad Neuberger. Der Psychotherapeut ist ein großer Anhänger des Gärtnerns. «Menschen, die im Garten aktiv sind, spüren sich selbst und sind der Schöpfung im weitesten Sinne ganz nah.»

Genau deshalb könne Gartenarbeit ein Ausgleich zum stressigen Job oder das erfüllende Paradies für Rentner sein. Persönliche Präventionsarbeit gewissermaßen. Oder eben eine Heilmethode für all jene, die eine psychologische Betreuung brauchen.

Seit zwanzig Jahren leitet Neuberger die Gärtnerei von Hof Sondern in Wuppertal, eine Reha-Einrichtung zur psychiatrischen Nachsorge für junge Erwachsene. Mehrmals in der Woche gärtnert er mit Menschen, die beispielsweise an schweren Psychosen leiden, also Wahnvorstellungen haben und glauben, Befehle von äußeren Mächten zu bekommen.

Neubergers Therapiegarten soll ihnen helfen - und der ist kein gewöhnlicher Garten. Mit seinen rund 3000 Quadratmetern sei er etwa 15 mal so groß wie ein Schrebergarten, berichtet der studierte Pädagoge. «Wir haben eine schiefe Hecke, an der sich Menschen entweder kleiner oder größer vorkommen.» Von einem großen Steinhaufen können Patienten symbolisch den Ballast aus ihrem Leben räumen und einen neuen Weg freimachen.

«Heute haben wir Unkraut gehackt und Sellerie gepflanzt», erzählt der Gartentherapeut. Vorher wird gesungen oder Morgengymnastik gemacht. Der Sinn: eine bessere körperliche Wahrnehmung, Zeit zum Nachdenken, Ruhe durch die Natur. «Arbeiten und Sprechen lässt sich beim Gärtnern miteinander verbinden. Man kann entspannt darüber reden, was einen plagt.»

Rund 500 Gartentherapeuten gibt es laut Neuberger deutschlandweit. Etwa 125 davon sind Mitglieder bei der Gesellschaft für Gartenbau und Therapie, deren Vorsitzender er ist.

Das Bundesministerium für Gesundheit etwa förderte fünf Mehrgenerationengärten in Ostfriesland «mit Ruhe- und Bewegungszonen, Blumen, Kräutern, Obst und Gemüse», die Menschen jeden Alters Möglichkeiten zur regelmäßigen Bewegung, gesunden Ernährung und Erholung bieten.

In Deutschland ist therapeutisches Gärtnern noch nicht so bekannt wie etwa Kunst- oder Musiktherapie. Der Einsatz aber ist ähnlich breit: sei es im Rahmen des Drogenentzugs oder der Behandlung von Depressionen, im Gefängnis, für Behinderte, für Schüler mit Förderungsbedarf oder in der neurologischen Praxis mit Schlaganfall- und Hirntumorpatienten. Oder sogar in einem Heilgarten für Folteropfer.

Hilfreich ist Gärtnern auch für jene Menschen, die die Natur lieben und zum Beispiel in ihrer Kindheit mit einem großen Garten aufgewachsen sind. Therapeutin Marlit Bromm hilft Demenzkranken in Berliner Senioreneinrichtungen «mit einer achtsamen Naturerfahrung». Einen großen Garten hat sie meist nicht zur Verfügung - deshalb weicht sie mit den Senioren zum Beispiel aufs Stecken von Blumensträußen und aufs Gärtnern in Eier-Pappschachteln aus. «Wir säen, pflanzen und schauen beim Wachsen zu.»

Gerade Demenzkranken könne Gartentherapie eine Orientierung ermöglichen, sagt Bromm, die auch Seminare und Vorträge anbietet. «Ich beziehe die Jahreszeiten immer in die Therapie mit ein. Jetzt zum Beispiel: Im Juni blüht der Holunder und wir essen Beerenfrüchte.» Meist komme dann auch Patienten, die sehr in sich gekehrt seien, ein Lächeln über die Lippen. «Es sind das Tageslicht und das Grün, die wirken.»

Kurzum: «Wir sind Teil der Natur», meint Gartentherapeutin Bromm. Und erklärt sich so auch, warum das Züchten von Rosenstöcken oder Radieschen so viele Menschen glücklich macht.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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