Medikamente zum Tabak-Ausstieg sollen Kassenleistung werden

10.06.2021
Im Kampf gegen gesundheitsschädliches Rauchen soll mehr Aufklärung helfen. Manche erwägen fürs Aufhören auch eine Therapie ergänzt mit Arzneimitteln. Finanzielle Hürden dafür sollen jetzt wegfallen.
Mit dem Rauchen aufzuhören, fällt Tabak-Abhängigen meist schwer. Medikamente können dabei helfen. Laut Gesundheitsausschuss des Bundestages sollen künftig die Krankenkassen die Kosten dafür tragen. Foto: Andrea Warnecke/dpa
Mit dem Rauchen aufzuhören, fällt Tabak-Abhängigen meist schwer. Medikamente können dabei helfen. Laut Gesundheitsausschuss des Bundestages sollen künftig die Krankenkassen die Kosten dafür tragen. Foto: Andrea Warnecke/dpa

Berlin (dpa) - Von ihrer Sucht wegzukommen, fällt vielen Rauchern schwer - am Geld soll das seltener scheitern. Medikamente für einen Tabak-Ausstieg sollen nach Plänen der großen Koalition künftig von der Kasse bezahlt werden können.

«An keiner anderen Droge sterben weltweit und auch hier in Deutschland mehr Menschen als an den Folgen des Rauchens», sagte die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU) nach einem entsprechenden Beschluss des Gesundheitsausschusses am Mittwoch (9. Juni). «Wir werden daher noch in dieser Legislaturperiode dafür sorgen, dass die Unterstützung beim Rauchstopp noch besser, noch zielgerichteter, noch einfacher wird.»

Anspruch auf Arzneimittel zur Tabakentwöhnung

Konkret sollen gesetzlich Versicherte, bei denen «eine schwere Tabakabhängigkeit» festgestellt wurde, Anspruch auf eine einmalige Versorgung mit Arzneimitteln zur Tabakentwöhnung bekommen. Welche Medikamente unter welchen Voraussetzungen in Therapieprogrammen verordnet werden können, soll der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen festlegen. Eine Folge-Versorgung mit solchen Mitteln soll frühestens nach drei Jahren möglich sein. Die vom Ausschuss angenommenen Pläne sollen an ein anderes Gesetz angehängt werden, das der Bundestag am Freitag beschließen soll.

«Tabakentwöhnung wird zur Kassenleistung», sagte Unionsfraktionsvize Stephan Stracke (CSU) der dpa. Dies sei ein fundamentaler Wechsel in der Drogenpolitik. «Damit erleichtern wir rund drei Millionen schwer abhängigen Raucherinnen und Rauchern den Ausstieg aus einer Droge, die oft zu schweren Erkrankungen führt.» Im Rahmen anerkannter Programme bekämen sie Anspruch auf Entwöhnung mit Nikotinpflastern und Arzneimitteln. Die SPD-Gesundheitsexpertin Sabine Dittmar sagte der dpa, vorbeugende Maßnahmen wie Werbebeschränkungen, Warnaufdrucke oder Präventionskampagnen seien wertvoll. Sie reichten aber allein offensichtlich nicht aus, um Erkrankungen zu vermeiden. Der einmalige Leistungsanspruch auf Arzneimittel sei da eine wichtige Ergänzung.

Nikotin-Ersatzpräparate und Verhaltenstherapien

Die Drogenbeauftragte Ludwig sagte: «So hilft der Rauchausstieg nicht nur der Gesundheit, sondern auch dem Geldbeutel.» Die Möglichkeit zur Kostenübernahme zielt auch darauf, dass es viele einkommensschwächere Raucher gibt. Sie soll weitere Anreize setzen, damit mehr Abhängige nach Rücksprache mit dem Arzt oder ihrer Ärztin Ausstiegsbehandlungen angehen. Dazu zählen Programme mit Nikotin-Ersatzpräparaten und Medikamenten, die Entzugserscheinungen mildern - auch verbunden mit Verhaltenstherapien. Insgesamt unternimmt nach Studiendaten nur jeder fünfte Raucher hierzulande überhaupt einen Ausstiegsversuch im Jahr.

Rauchen und ebenso Alkohol richten nach wie vor mit Abstand die größten Gesundheitsschäden in Deutschland an - auch wenn der Konsum zuletzt sank. Jährlich sterben nach Angaben der Drogenbeauftragten rund 127.000 Menschen an den Folgen von Tabak-Konsum. Ludwig will mit einer kürzlich gestarteten Aufklärungskampagne von Bundesregierung und Gesundheitsakteuren auch langjährige Raucher stärker zum Aufhören ermuntern, die seit 20 oder 30 Jahren zu Zigaretten greifen. Auf einer Webseite sind «Rauchstopp-Angebote» mit Hilfsmöglichkeiten gebündelt zu finden - und auch ein «Ersparnisrechner» als Motivation.

Details der Kostenübernahme für Medikamente zum Tabak-Ausstieg sollen noch genauer geregelt werden. Unter dem Anspruch soll zunächst ein Entwöhnungsversuch mit einem Programmdurchlauf zu verstehen sein, wie es in der Begründung des Koalitionsantrags heißt. Der Gemeinsame Bundesausschuss als oberstes Entscheidungsgremium des Gesundheitswesens soll dann auch noch weitere Voraussetzungen regeln: etwa zu Anforderungen an die Ausstiegsprogramme, für die Arzneimittel verordnet werden können - und wie bestimmt wird, dass man eine «starke Tabakabhängigkeit» hat.

© dpa-infocom, dpa:210610-99-938659/2

Pressemitteilung zur Kampagne

Studie zu Rauchstoppversuchen und Methoden


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Der Raucheranteil in der Altersgruppe der 55- bis 74-Jährigen ist deutlich gewachsen. Gesundheitsexperten empfehlen, auch in höherem Alter noch mit dem Rauchen aufzuhören. Foto: Christoph Schmidt Immer mehr ältere Menschen rauchen Rauchen im Alter wird aus Sicht der Gesundheitswissenschaft ein immer drängenderes Problem. Grund ist die Alterung der Gesellschaft. Wer noch in höhren Lebensjahren umsteuert, hat davon nur Vorteile.
Wer im Auto raucht, schadet allen Mitfahrern. Foto: Peter Steffen/dpa Kommt das Rauchverbot beim Fahren mit Kindern? Wer im Auto raucht, schadet allen Mitfahrern. Eine Initiative mehrerer Bundesländer will Kinder und Jugendliche per Gesetz vor dem Qualm schützen und den Glimmstängel aus den Autos verbannen.
Das Dampfen von E-Zigaretten ist zwar weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten zu rauchen. Langzeitfolgen sind aber bisher nicht ausreichend untersucht. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn Von Light-Zigarette bis Heat Stick: Geht «gesünder» rauchen? Light-Zigaretten, E-Zigaretten und Heat Sticks versprechen weniger gesundheitsschädlich zu sein als herkömmliche Zigaretten. Manche der Produkte schaden tatsächlich etwas weniger als die Tabak-Klassiker. Unbedenklich sind sie Experten zufolge aber ganz und gar nicht.
Das Dampfen von E-Zigaretten ist zwar weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten zu rauchen. Langzeitfolgen sind aber bisher nicht ausreichend untersucht. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn Light-Zigarette und Heat Stick: Geht Rauchen auch gesünder? Light-Zigaretten, E-Zigaretten und Heat Sticks versprechen weniger gesundheitsschädlich zu sein als herkömmliche Zigaretten. Manche der Produkte schaden tatsächlich etwas weniger als die Tabak-Klassiker. Unbedenklich sind sie Experten zufolge aber ganz und gar nicht.