Kontrollverlust macht Menschen bei Corona-Krise zu schaffen

20.03.2020
Die Corona-Krise bringt auch für die Psyche große Herausforderungen mit sich. Bisherige Sicherheiten und Vorhersehbarkeiten geraten ins Wanken.
Ein Mann kauft auf dem Markt ein. Am Stand ist ein Schild angebracht mit der Aufschrift «Bitte 1,5 m Abstand voneinander zu halten». Foto: Patrick Seeger/dpa
Ein Mann kauft auf dem Markt ein. Am Stand ist ein Schild angebracht mit der Aufschrift «Bitte 1,5 m Abstand voneinander zu halten». Foto: Patrick Seeger/dpa

Freiburg (dpa) - Die Menschen erleben mit der Corona-Krise eine völlig neue Situation. «Sie müssen eine enorme Einschränkung bisheriger Freiheiten verkraften», sagte der Vize-Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Martin Klett der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Was ist für die Menschen besonders bedrückend?

Antwort: Ich glaube, es ist der Kontrollverlust und das Gefühl der Ohnmacht. Die Hamsterkäufe sind der aus meiner Sicht misslungene Versuch, die Kontrolle nicht zu verlieren. Aber eigentlich ist klar: Die Corona-Epidemie überfordert uns medizinisch, wirtschaftlich, psychisch. Es gibt so viele Fragen ohne die Spur einer Antwort: Werde ich oder meine Familie infiziert, wie lang dauert die Krise, werde ich meinen Arbeitsplatz behalten? Man muss wohl diese Unwägbarkeiten ein Stück weit akzeptieren.

Frage: Wovor sollte man sich während der Krise aus psychotherapeutischer Sicht schützen?

Antwort: Ich rate, dubiose Theorien im Internet zu ignorieren und nur auf seriöse Quellen wie das Robert-Koch-Institut zurückzugreifen. Abstand ist das Gebot der Stunde - von anderen Menschen und von Horrornachrichten und -bildern etwa aus Italien.

Frage: Was lehrt uns die Krise über unser bisheriges Leben?

Antwort: Erst wenn Freiheit eingeschränkt wird, wird uns bewusst, wie viel Freiheit wir eigentlich haben: uneingeschränkte Mobilität, Freizeitangebote in Hülle und Fülle, eine funktionierende Verwaltung mit all ihren Dienstleistungen. Diese bislang für selbstverständlich gehaltenen Errungenschaften lernt man durch deren Einschränkung besser schätzen.

Zur Person: Martin Klett ist Vize-Präsident der Landespsychotherapeutenkammer mit rund 6000 Mitgliedern. Der psychologische Psychotoherapeut ist auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Der zweifache Vater wohnt in Schallstadt, hat seine Praxis aber in der Freiburger Innenstadt. Seine Hobbies sind Motorad- und Fahrradfahren sowie Wandern.

Landespsychotherapeutenkammer


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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