Kindern den Glauben an den Weihnachtsmann lassen

17.12.2018
Mag die moderne Welt an so manchem Wunderglauben gerüttelt haben - die Mär vom Weihnachtsmann ist so verbreitet wie eh und je. Und das ist auch gut so, betonen Psychologen. Zumindest dann, wenn der pummelige Mantelträger nicht als Erziehungsinstanz missbraucht wird.
Gut drei Viertel der Menschen in Deutschland (76 Prozent) haben laut einer Umfrage früher den Weihnachtsmann oder das Christkind hinter den Geschenken vermutet. Foto: Patrick Pleul
Gut drei Viertel der Menschen in Deutschland (76 Prozent) haben laut einer Umfrage früher den Weihnachtsmann oder das Christkind hinter den Geschenken vermutet. Foto: Patrick Pleul

Berlin (dpa) - Eifrig werden Wunschzettel geschrieben, ungeduldig die Tage bis zur Bescherung gezählt. Auf den Weihnachtsmann oder das Christkind freuen sich Kinder riesig.

Gut drei Viertel der Erwachsenen in Deutschland (76 Prozent) haben einer Umfrage der Meinungsforschungsfirma YouGov zufolge als Kind an den Weihnachtsmann oder das Christkind geglaubt.

Für fast ein Drittel von ihnen (29 Prozent) verlor Weihnachten ein Stück von seinem Zauber, nachdem ihnen klar wurde, dass es das Geschenke bringende Wesen doch nicht gibt. «Wir glauben ja alle noch gern an Wunder», sagt der Berliner Psychologe Wolfgang Krüger. Das zeige sich zum Beispiel bei den Religionen, an dem Glauben an eine Institution im Himmel. «Es gibt das Bedürfnis nach einem wohlmeinenden Beschützer, der auf uns aufpasst.»

«Ich würde eigentlich, wenn ich ehrlich bin, heute noch gern an den Weihnachtsmann denken», sagt Moderator Thore Schölermann. «Das war die schönste Zeit überhaupt.» Er sei immer begeistert gewesen, wenn der Weihnachtsmann gekommen sei. «Diese Begeisterung bei einem Kind, die hätte ich manchmal gerne heute noch für Dinge», sagte er. Einfach so naive Freude und Glücklichsein zu empfinden, das vermisse er mitunter.

Auch Schauspielerin Uschi Glas mochte sich nicht von der Idee lösen. «Ich weiß, als ich innerlich schon überzeugt war, dass es das nicht gibt, wollte ich das nicht wissen», sagt sie. «Ich fand's dann plötzlich so langweilig, so blöde.» An den besonderen Zauber der Weihnachtszeit erinnert sich auch die Komikerin Carolin Kebekus gern. «Bei uns wurde das noch immer richtig zelebriert, da lag dann Glitzer auf der Fensterbank und das Fenster war auch noch auf», sagte sie. «Mein Bruder und ich waren uns auch sehr lange sicher, dass es nur das Christkind sein kann, das die Geschenke bringt.»

Krüger ermutigt Eltern, ihre kleinen Sprösslinge weiter an Weihnachtsmann oder Christkind glauben zu lassen. «Kinder in dem Alter leben ohnehin in einer mystischen Welt, in der Tiere reden können und in der Wunder passieren.» Es sei auch nicht nötig, sich mit ihnen zu einem bestimmten Zeitpunkt hinzusetzen und ihnen die Wahrheit zu sagen. «Kinder wachsen irgendwann selbst aus bestimmten Annahmen heraus, je nach innerer Reife früher oder später», erklärt er. «Sie haben dann auch nicht das Gefühl, betrogen worden zu sein, sondern lächeln selbst darüber.»

In der YouGov-Umfrage gaben nur 10 Prozent der derjenigen Erwachsenen, die als Kind an Weihnachtsmann oder Christkind glaubten, an, sich belogen gefühlt zu haben oder verärgert gewesen zu sein, als sie schließlich die Wahrheit erfahren hatten. Bei einem Fünftel (19 Prozent) waren es die Eltern, die schließlich damit rausgerückt waren. Ebenso viele erfuhren von Kita- oder Schulfreunden, dass es gar keinen überirdischen Geschenkebringer gibt. Seltener waren Geschwister (10 Prozent) oder Medien wie Fernsehen und Zeitung (7 Prozent) die Wahrheitsboten.

Und etliche Menschen wissen gar nicht mehr, wie ihnen die schnöden Tatsachen letztlich klar wurden. «Vielleicht war es irgendwann so, dass die Mutter gesagt, okay, ich bringe die Geschenke, aber im Auftrag des Christkindes», sagt etwa Kebekus. An einen konkreten Moment erinnere sie sich nicht. Auch Schriftsteller Sebastian Fitzek erinnert sich nicht an eine bestimmte Episode. Es sei ihm relativ früh klargewesen, dass es sich nur um eine Legende handle, sagt er. «Ich habe sie aber trotzdem gemocht und geliebt.» Seinen eigenen Kindern lasse er gern den Glauben - auch wenn er mit Blick auf die Geschenke eines ungerecht finde: «Der Weihnachtsmann heimst das Lob ein und existiert überhaupt gar nicht.»

Kinder sollten an den Weihnachtsmann oder das Christkind glauben dürfen, sind auch 80 Prozent derjenigen von YouGov Befragten überzeugt, die einst selbst daran glaubten. 11 Prozent sind allerdings der Ansicht, man solle Kindern besser von Anfang an die Wahrheit sagen.

Für Krüger ist vor allem wichtig, wie das Fabelwesen von Eltern genutzt wird. Vor 20, 30 Jahren seien mit Weihnachtsmann und Christkind noch massive Erziehungsmaßnahmen verbunden gewesen. «Da hieß es immer zuerst: «Wart ihr auch alle artig?» und die Rute war immer mit dabei», sagt der Psychologe. Noch immer drohen manche Eltern ganz gern damit, dass der Weihnachtsmann weniger Geschenke bringt, wenn nicht sofort das Zimmer aufgeräumt oder das Benehmen besser wird. «Unsäglich» findet Krüger das. «Den Weihnachtsmann zu einer drohenden Instanz aufzubauen, ist ein Zeichen von Ohnmacht in der Erziehung.»

Problematisch sei auch, Kinder intensiv dazu zu nötigen, dem Weihnachtsmann etwas vorzusingen oder ein Gedicht vorzutragen. «Da klingt die Leistungsgesellschaft durch: Man muss sich sein Geschenk erst mal verdienen.» Weihnachten werde damit etwas Angstbesetztes, von Lampenfieber und Versagensangst geprägt. «Es heißt «Fröhliche Weihnachten», und genauso sollte Weihnachten auch sein: fröhlich.»

Das dass gelinge, liege allerdings nicht allein am Umgang mit Weihnachtsmann und Christkind. «In rund 60 Prozent der Familien gibt es an Weihnachten Spannungen, in etwa 30 Prozent große Streitigkeiten», sagt Krüger. Ein Drittel der Trennungen passierten in dieser Zeit. «An Weihnachten geht sehr viel schief.» Das sei vor allem so, weil es eine ganz genaue Vorstellung davon gebe, wie ein gelungenes Weihnachten abzulaufen habe. «Ganz harmonisch und ganz besonders muss es sein. Eine perfekte Inszenierung - nur eben mit Laiendarstellern. Das kann gar nicht funktionieren.»

Er rät dazu, den Anspruch an Perfektion gehörig herunterzuschrauben und schon zwei Wochen im Voraus mit dem Partner zu bereden, was für ihn ein glückliches Fest bedeute. «Schreiben Sie Weihnachten für sich neu, schaffen Sie ihre eigenen Rituale», empfiehlt er. «Nicht der Braten, nicht die Geschenke, nicht der Weihnachtsbaum sind wichtig, sondern das Gefühl, dass da jemand ist, der es gut mit einem meint und für einen da ist.» Weniger Perfektion, mehr Komik und entspanntes Miteinander - «dann werden es wirklich fröhliche Weihnachten».


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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