HNO-Arzt erklärt: Warum Stress zu Hörproblemen führen kann

05.10.2021
Wer zu viel um die Ohren hat, spürt körperliche Folgen oft genau dort: in den Ohren. Häufig ist es allerdings die Hörverarbeitung im Kopf, die sich dann verändert. Wie lässt sich gegensteuern?
Stress beeinflusst das Hören zum Schlechten: Man nimmt viel mehr störende Geräusche war, die eigentlich im Kopf herausgefiltert würden. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Stress beeinflusst das Hören zum Schlechten: Man nimmt viel mehr störende Geräusche war, die eigentlich im Kopf herausgefiltert würden. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Duisburg (dpa/tmn) - Es piept oder pfeift und vieles versteht man plötzlich schlechter: In stressigen Situationen scheinen die Ohren manchmal verrückt zu spielen. Wobei das Problem dann meist nicht direkt im Ohr liegt, sondern an anderer Stelle im Kopf.

Dort findet das Hören zum Großteil statt, sagt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Uso Walter. Im Interview erklärt der Autor («Wie Stress das Hören verändert») die Mechanismen hinter dem Problem - und er sagt, was uns dabei hilft, damit es besser wird.

Herr Walter, warum geht Stress auf die Ohren? Uso Walter: Man muss unterscheiden zwischen den Auswirkungen auf das Ohr und das Hören. Das sind zwei verschiedene Dinge. Bei langfristigem Stress kann es etwa zu einer Mangeldurchblutung im Ohr kommen, wodurch es auf Dauer Schaden nehmen kann. Viel unmittelbarer und häufiger verändert Stress aber die Hörverarbeitung.

Wie äußert sich das?

Walter: Man wird geräuschempfindlich, bekommt einen Tinnitus, versteht schlechter. Das große Problem ist: Viele bringen solche Symptome nicht mit Stress zusammen, weshalb sie sich oft lange Zeit nicht zu helfen wissen. Es hilft, sich klar zu machen: Die Hörverarbeitung ist wie ein Filter, der durch Stress durchlässiger wird. Man hört also mehr Störgeräusche, die normalerweise gefiltert werden, und hört weniger von dem, was man eigentlich hören möchte.

Was hilft dann?

Walter: Grundsätzlich hilft es, den Stress zu reduzieren. Man kann sagen: Wenn man selbst ruhiger wird, wird auch das Hören ruhiger. Und das Filtern von Störgeräuschen klappt besser. Was ebenfalls helfen kann: Sich bewusst auf bestimmte Geräusche und Sprachreize zu konzentrieren und so die Differenzierungsfähigkeit zu trainieren - Hören findet nämlich zum Großteil im Kopf statt. Diese Mechanismen der unterbewussten Hörverarbeitung lassen sich verändern. Sie werden beeinflusst von Stress und Emotionen. Deshalb ist auch so wichtig, im Alltag für Ausgleich und Entspannung zu sorgen und sich nicht über alles aufzuregen.

Wenn man bei stressbedingten Hörproblemen nicht rechtzeitig gegensteuert, können sich diese zunehmend verschlechtern. Man zieht sich zurück, um die Geräusche zu vermeiden, was zu Ängsten und Depressionen führen kann und den Hörfilter immer durchlässiger macht. Da entsteht ein echter Teufelskreis, der immer schwerer zu durchbrechen ist.

Literatur:

Uso Walter/Lucia Schmidt: «Zu viel um die Ohren: Wie Stress das Hören verändert», Ecowin Verlag, 288 Seiten, 22 Euro, ISBN-13: 978-3711002921.

© dpa-infocom, dpa:211004-99-479031/2


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Bei Hörgeräten zeigt sich der Trend zur Miniaturisierung: Manche Im-Ohr-Hörsysteme sind in etwa so groß wie ein Knopf, manche kleiner als eine 2-Cent-Münze. Foto: Sascha Gramann/biha/dpa-tmn Zehn Extras für Hörgeräte im Kurzcheck Hörgeräte schränken das Leben ein? Das war einmal. Heute sind es kleine Hightech-Computer, die sich nach individuellen Bedürfnissen aufrüsten lassen. Doch nicht jedes Zubehör ist sinnvoll.
Als hätte jemand am Lautstärkeregler gedreht: Bei einem Hörsturz kommt die Schwerhörigkeit meist aus dem Nichts. Was genau passiert, ist auch Wissenschaftlern noch unklar. Foto: Monique Wüstenhagen Schlagartig leise: Beim Hörsturz streikt das Innenohr Ein Hörsturz macht das Leben schlagartig leise. Von einer Sekunde auf die andere verweigert das Gehör den gewohnten Dienst. Warum das geschieht und ob Stress dabei eine Rolle spielt, ist unklar. Ruhe bewahren scheint aber als erste Hilfe durchaus sinnvoll zu sein.
Ein gutes Timing beim Abendessen kann für besseren Schlaf in der Nacht sorgen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn Das System der Selbstoptimierung Sich besser fühlen, geistig und körperlich - das wünscht sich doch jeder. Biohacking soll den Weg dorthin ebnen. Doch was steckt hinter diesem spektakulär anmutenden Begriff?
Ohrgeräusche hat jeder einmal. Sie können durch Lärm, Stress und überbordende Emotionen ausgelöst werden. Foto: Daniel Modjesch Ohrgeräusche verschwinden meist wieder Wenn man Lärm oder Stress ausgesetzt ist, kann es passieren, dass plötzlich ein Fiepen, Rauschen oder Pfeifen im Ohr auftritt. Doch warum reagiert das Gehör auf solche Umwelteinflüsse? Und warum gehen die Ohrgeräusche in einigen Fällen nicht mehr weg?