Filme schauen während der Hüft-OP

23.09.2020
Bei vielen Operationen können Patienten wählen, ob sie Vollnarkose oder Regionalanästhesie haben möchten. Auch bei regionaler Betäubung muss aber niemand die OP miterleben - dank moderner Technik.
Mit Videobrillen - beispielsweise vom Hersteller HappyMed - können Patienten während der OP einen Film schauen. Foto: HappyMed/dpa-tmn
Mit Videobrillen - beispielsweise vom Hersteller HappyMed - können Patienten während der OP einen Film schauen. Foto: HappyMed/dpa-tmn

Berlin (dpa/tmn) - Die Hüfte schmerzt permanent, Bewegungen des täglichen Lebens sind eine Qual, Autofahren ist fast unmöglich. Der Leidensdruck ist irgendwann so groß, dass sich der Betroffene für eine Operation entscheidet. Ein neues Hüftgelenk soll die Lebensqualität wieder verbessern.

Im Gespräch mit dem Operateur steht eine Entscheidung an: Soll die OP unter Vollnarkose oder regionaler Betäubung stattfinden?

Im Unterschied zur Vollnarkose wird bei einer Regionalanästhesie nur ein bestimmter Bereich des Körpers betäubt. Möglich ist das in der Regel vor allem an den unteren Extremitäten, zum Beispiel bei Operationen am Hüft- und Kniegelenk.

Zielgenaue Betäubung

Immer häufiger plädieren Ärzte für diese Variante. «Eine Regionalanästhesie hilft gerade älteren Patienten, schnell wieder auf die Beine zu kommen», sagt Heiko Spank, Chefarzt der Klinik für Spezielle Orthopädische Chirurgie und Unfallchirurgie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin. «Sie haben hinterher auch keine Probleme wie Übelkeit, die manchmal nach Vollnarkosen auftritt.»

Doch wirkt die Betäubung auch zuverlässig? «Heutzutage machen wir die Regionalanästhesie ultraschallgesteuert. Dadurch können wir leichter die Nerven darstellen, die eine Extremität versorgen. Wir sehen also genau per Ultraschall, wo sich das Medikament ausbreitet», erklärt Prof. Rolf Rossaint, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI). Die Technik gibt Patienten und Ärzten Sicherheit, dass die Nerven betäubt sind.

Miterleben oder verschlafen

Miterleben wie etwa das eigene Hüftgelenk durch ein neues ausgetauscht wird: Manche Patienten finden das Erlebnis spannend, weiß Rossaint aus Erfahrung. «Einige möchten sogar auf dem Monitor verfolgen, wie der Operateur vorgeht.»

Andere lassen sich lieber Medikamente geben, die sie in einen Schlaf versetzen. Im Unterschied zu einer Vollnarkose atmen sie dabei selbstständig weiter, sind während der Operation aber nicht bei Bewusstsein. Gerade für Menschen, die nervös sind, kann das eine Erleichterung sein.

«Wie Patienten mit einer Operation umgehen, ist unterschiedlich. Manche Menschen sind sehr dickfellig, vor allem bei einer OP, die belastende Symptome verschwinden lassen soll», erklärt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater. Grundsätzlich seien Operationen mit Betäubung aber immer ein Stressfaktor.

VR-Brillen als Ablenkung

Wer während der Operation wach bleibt, kann sich etwa mit Musik ablenken. Gerade Kindern wird oft die Möglichkeit gegeben, nebenbei einen Film anzuschauen.

Technisch gut ausgestattete Kliniken bieten ihren Patienten auch Videobrillen an. Diese decken das Sichtfeld komplett ab und werden mit Kopfhörern kombiniert. «Das ist wie eine Kinoleinwand direkt vor den Augen. Sie sehen und hören während der Operation fast nichts von ihrem Umfeld», sagt Orthopäde Spank, in dessen Klinik die Brillen seit einigen Monaten zum Einsatz kommen.

Die Rückmeldungen der Operierten seien bislang fast durchgehend positiv. «Zunächst ist eine gewisse Skepsis da. Wenn man es aber gemacht hat, sind die meisten hellauf begeistert und sagen, dass sie fast nichts mitbekommen haben», sagt Spank.

Beim Einsatz der Videobrillen mache man sich die Fähigkeit des Gehirns zunutze, Dinge wie die laufende Operation komplett auszublenden, erklärt Psychiaterin Roth-Sackenheim. «Es ist belegt, dass Menschen weniger Schmerzmedikamente benötigen, wenn sie an etwas Anderes denken.»

© dpa-infocom, dpa:200922-99-660825/4

Vivantes Kliniken zu audiovisuellen Brillen

Techniker Krankenkasse zu regionaler Betäubung


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Ob und wann ein Weisheitszahn gezogen wird, entscheidet am Ende der Patient - in der Regel sollte es aber vor dem 25. Geburtstag passieren. Foto: Christin Klose/dpa-tmn Wissenswertes rund um die Weisheitszähne Nicht immer machen Weisheitszähne Probleme - doch wenn Ärger droht, reagiert man besser früh. Wie entscheidet der Arzt, ob ein Weisheitszahn raus muss? Und warum gibt es die Störenfriede überhaupt?
Mancherorts wie am Rembrandtplein in Amsterdam wird Lachgas als Partydroge angeboten. Die Ballons werden an Ort und Stelle aufgeblasen und die Kunden inhalieren auch auf der Straße. Foto: Annette Birschel/dpa Was es mit Lachgas auf sich hat Lachgas, das klingt nett und harmlos. Aber was hat das mit Raps, Zahnschmerzen und Joko Winterscheidt zu tun? Zum Weltlachtag ein paar Fakten rund um das Gas, das auch tödlich sein kann.
Grundvoraussetzungen für eine Narkose sind unter anderem eine ausgewogene Ernährung sowie Sport. Foto: Sebastian Gollnow Fitte Menschen verkraften Narkose meistens besser Nichts mitbekommen und nichts spüren ist vielleicht der dringlichste Wunsch vieler Patienten bei einer OP. Dabei taugt lange nicht jeder für eine Betäubung. Welche Voraussetzungen sind für eine Narkose erforderlich?
Laut einer Studie hat sich das Modell «Hebammenkreißsaal» in NRW bewährt. Geburten verlaufen hier im Durchschnitt schneller und mit weniger Schmerzmitteleinsatz. Foto: Caroline Seidel/dpa/Illustration Geburt nur mit Hebamme verläuft sicher und natürlicher Für jede gebärende Frau eine Hebamme, die die ganze Zeit dabei bleibt - das ist nur in wenigen Kreißsälen in Deutschland so. Dabei kämen die meisten Gebärenden laut einer Studie auch ohne Arzt und große Eingriffe bei gleicher Sicherheit zu ihrem Baby.