Experten sehen mehr Suchtanreize in der Gesellschaft

16.09.2019
Nicht nur Alkohol und Nikotin können abhängig machen, sondern auch Computerspiele und Soziale Medien. Auf dem Deutschen Suchtkongress in Mainz informieren Experten über die aktuelle Lage.
Ein Jugendlicher spielt in einem Wohnheim für computersüchtige Jugendliche mit einem Mobiltelefon. Foto: Marcel Kusch/dpa
Ein Jugendlicher spielt in einem Wohnheim für computersüchtige Jugendliche mit einem Mobiltelefon. Foto: Marcel Kusch/dpa

Mainz (dpa) - Internet, Handy, Alkohol - Suchtgefahren lauern in vielen Lebensbereichen. Die Experten warnen: Anreize für einen exzessiven Gebrauch von Substanzen oder exzessiv ausgeübte Verhaltensweisen seien allgegenwärtig und «scheinen weiter zuzunehmen».

Mehr als 300 Suchtexperten diskutieren bis diesen Mittwoch auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz auf dem diesjährigen Deutschen Suchtkongress aktuelle Entwicklungen in der Suchtforschung.

Süchte sorgten häufig für großes Leid, wobei sie sich oft unentdeckt entwickelten. «Wegen der zunehmenden Durchdringung mit elektronischen Medien steigt die Suchtgefahr», sagt Kongresspräsident Klaus Wölfling. Als Beispiele nennt der Psychologische Leiter an der Universitätsmedizin Mainz etwa die Sucht nach Sozialen Medien, Pornografie oder Computer- und Onlinespielen. Für diese Spiele gelte: «Die Hersteller nutzen Suchtpotentiale stärker aus.»

Behandlungsstudie

Zur Therapie von Internet- und Computerspielsucht stelle die Psychosomatische Klinik der Universitätsmedizin Mainz auf dem Kongress eine Behandlungsstudie vor. Sie zeige, dass die Chance, sich von einer Sucht zu befreien, mit einer Therapie etwa zehn Mal höher ist als ohne. Eine Therapie bestehe etwa aus Einzel- und Gruppengesprächen zur Reflexion des eigenen Suchtverhaltens sowie einer sechswöchigen Abstinenz von Computer und Smartphone. «Die Patienten sollen im Anschluss aber wieder lernen, normal mit dem Internet umzugehen», sagt Wölfling.

Nicht nur um Suchterkrankungen von Erwachsenen geht es in den Symposien und Fachvorträgen. Auch für Jüngere bergen insbesondere Alkohol, aber auch Soziale Medien und Computerspiele eine große Suchtgefahr, wie Rainer Thomasius vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf erklärt. Gerade im Präventionsangebot bestünden deutliche Mängel. Thomasius fordert daher eine Erweiterung der individuellen Suchttherapie und Prävention für Kinder und Jugendliche.

Jugendschutz gefordert

Vor der Verbindung von Spielen und Smartphone warnt Michael Dreier von der Psychosomatischen Klinik in Mainz. Das Problem sei: Gerade bei derzeit beliebten In-App-Käufen fehlten Jugendschutzregulationen, um beispielsweise die Menge der Käufe zu begrenzen. Für Jugendliche schlägt Dreier daher eine finanzielle Obergrenze vor.

Auch wenn der gesellschaftliche Wandel eine angepasste Versorgung notwendig mache, ist nach Ansicht von Falk Kiefer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim schon problematisch, dass es bereits für «etablierte Störungsbilder» keine umfassende Versorgung gebe. «Weiterhin werden in Deutschland nur etwa zehn Prozent der alkoholabhängigen Menschen suchttherapeutisch behandelt.»

Organisiert wird der dreitägige Kongress von der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie.

Kongressprogramm


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Mainzer Wissenschaftler fanden heraus: Luftschadstoffe führen zu mehr vorzeitigen Todesfällen als das Rauchen. Foto: Marijan Murat Schmutzige Luft fordert mehr Todesopfer als Rauchen Wie viele vorzeitige Todesfälle gehen auf Luftverschmutzung zurück? Mainzer Forscher legen dazu eine neue Analyse vor. Demnach kosten Luftschadstoffe Europäer im Mittel rund zwei Jahre Lebenszeit.
2016 erkrankten 350 bis 400 Menschen an FSME. Mit der Auwaldzecke wurde nun ein neuer Überträger ausgemacht. Experten raten, sich rechtzeitig zu schützen. Foto: Tobias Hase/dpa Achtung Auwaldzecke: weiterer FSME-Überträger entdeckt Obacht im Gras: Die Zeckenzeit startet. Zum Start der Saison haben Forscher schlechte Nachrichten. Sie haben eine neue Ansteckungsquelle für FSME gefunden.
Einige Zahnärzte bieten ängstlichen Patienten eine Behandlung im Trance-Zustand an. Dabei kann auch schon mal ein Kuscheltier zum Einsatz kommen. Foto: Frank May Hypnose in der Medizin: Alles andere als Hokuspokus Hypnose galt lange Zeit als schlechter Zaubertrick. Heute wenden Tausende Ärzte Hypnotherapie an - bei Zahnwurzelbehandlungen, Schmerz- und Psychotherapie. Manchmal merken es die Patienten nicht einmal.
Wer regelmäßig Lärm ausgesetzt ist, besitzt ein größeres Risiko für Herzrhythmusstörungen. Foto: Daniel Bockwoldt Lärm erhöht laut Studie Risiko für Herzrhythmusstörungen Die Auswirkungen von Lärm können unterschiedlich sein. Nun zeigt eine Studie, dass sich regelmäßige Lautstärke auch die Funktion des Herzens beeinträchtigen kann.