Biologika: Was steckt hinter den Medikamenten?

15.09.2021
Biologika, das klingt nach Naturheilmitteln. Es sind aber Medikamente, die in einem aufwendigen gentechnischen Verfahren hergestellt werden. Hohe Kosten, großer Nutzen? Was sie können.
Künstlich hergestelltes Insulin zählte zu den ersten Biologika. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa/dpa-tmn
Künstlich hergestelltes Insulin zählte zu den ersten Biologika. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa/dpa-tmn

Bonn/Stuttgart (dpa/tmn) - Ein Mensch mit Diabetes «verbraucht» pro Woche etwa ein Schwein – diese Faustregel galt laut dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie noch in den 80er Jahren. Damals wurden tonnenweise Schweinebauchspeicheldrüsen in Fabriken gefahren, um Insulin für Diabetiker herzustellen.

Heute wird Insulin längst gentechnisch mit Hilfe von sogenannten Designer-Mikroorganismen hergestellt. Es ist ein Beispiel für ein weit verbreitetes Biologikum. In der Medizin werden mittlerweile viele Arzneimittel auf diese Art und Weise produziert. Neben Diabetes sind etwa entzündliche Autoimmunerkrankungen wie eine rheumatoide Arthritits oder Krebsleiden Einsatzgebiete für Biologika, die auch Biologicals genannt werden.

Was sich seit Mitte der 80er Jahre langsam entwickelte, ist mittlerweile einer der am schnellsten wachsenden Märkte der Pharmaindustrie. Immer mehr Biopharmazeutika finden sich in immer mehr Anwendungsgebieten in der Medizin. Mittlerweile gibt es über 270 verschiedene Wirkstoffe – auch die gegen das Coronavirus SARS-Cov-2 eingesetzten mRNA-Impfstoffe zählen dazu.

Großes Potenzial in der Krebsbehandlung

«Wir können jedes Protein des Körpers nachbauen und bei Bedarf sogar verbessern», sagt Prof. Gerd Bendas aus der Fachgruppe Pharmazie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Prof. Hans-Georg Kopp, Chefarzt der Abteilung der molekularen und pneumologischen Onkologie am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, weist auf die Möglichkeiten in der Krebsbehandlung hin und sieht dort ein großes Potenzial für den Einsatz von Biologika. Zwar bedeute im Falle von Tumoren therapierbar nicht auch heilbar, aber es ließen sich Lebenszeit und -qualität durch die Therapie gewinnen.

Ein Medikament so im Labor zu entwickeln, dass es präzise dort wirkt, wo es soll, ist eine Herausforderung. Das ist ein Grund dafür, warum Biologika noch nicht flächendeckend zur Therapie von Krankheiten zum Einsatz kommen.

Nur an der richtigen Stelle wirken

Arzneistoffe etwa, die auf dem Prinzip von zielgerichteten Antikörpern beruhen, benötigen eine klare Zielstruktur, die im Optimalfall nur auf der Zielzelle zu finden ist – und auch keiner anderen, körpereigenen Struktur ähnelt. Das heißt vereinfacht gesagt: Sie soll die kranken Zellen angreifen, aber gesunde in Ruhe lassen.

Hinzu kommt, dass Biologika korrekt gelagert und gehandhabt werden müssen. Wichtig zu wissen: Biologika werden durch Magensäure deaktiviert. Eine Einnahme als Tablette ist also nicht möglich. Das geht nur per Spritze oder Infusion.

Hohe Kosten bremsen den Einsatz

Dass sie nur dort wirken, wo sie sollen, ist nicht die einzige Problematik der Biologika. Mitunter müssen Patienten auch ergänzende Medikamente einnehmen, die verhindern, dass der Körper sich gegen die Biologika mit Antikörpern zur Wehr setzt. Allergische Reaktionen und Unverträglichkeiten sind möglich.

Zudem sind die Entwicklungs- und Herstellungskosten vieler dieser Medikamente astronomisch hoch. Da sich für viele Krankheiten bereits gut funktionierende Behandlungen für einen Bruchteil der Kosten etabliert haben, ist es in vielen Fällen nicht wirtschaftlich, auf Biologika zurückzugreifen. «Obwohl Biologicals nur circa 12 Prozent der auf dem Markt vorhandenen Medikamente ausmachen, machen sie knapp 31 Prozent des Umsatzes aus», erläutert Gerd Bendas.

Der ökonomische Aspekt ist auch der Grund, warum Biologika oft erst dann ins Spiel kommen, wenn andere Medikamente nicht mehr helfen. Doch Onkologe Kopp glaubt, dass es auch Einsparungen geben könnte: «Wenn wir die neuen Erkenntnisse aus der Entwicklung der Biologicals nutzen, um Prävention und Prophylaxe zu verbessern, so wird unser Gesundheitssystem auf Dauer günstiger.»

© dpa-infocom, dpa:210914-99-215849/4

Verband BPI zu Statistik "Ein Schwein pro Woche"


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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