Foodwatch-Kritik - «Zu süß» trotz Werbung mit Vitaminen?

05.04.2016
Riegel, Säfte und Joghurts locken Verbraucher mit Vitaminen. Doch sind die Lebensmittel wirklich so gesund, wie sie in der Werbung klingen? Verbraucherschützer haben einiges auszusetzen.
In vielen Lebensmitteln ist Zucker, oft mehr, als gesund ist. Foto: Jens Kalaene
In vielen Lebensmitteln ist Zucker, oft mehr, als gesund ist. Foto: Jens Kalaene

Berlin (dpa) - Die Werbung für manche Fruchtgummis, Energydrinks oder Milchgetränke passt den Verbraucherschützern von Foodwatch gar nicht. Beim Einkauf werde man mit Gesundheitsversprechen gelockt, dabei versteckten sich hinter den Verpackungen häufig alles andere als ausgewogene Lebensmittel.

Was überhaupt ein ausgewogenes Lebensmittel ist und wie Hersteller auf die Vorwürfe reagieren:

Was genau kritisiert Foodwatch ?

Die Verbraucherorganisation stört sich an der Werbung mit Vitaminen. Viele Lebensmittel würden nur mit Vitaminen aufgebessert, um den Produkten einen gesunden Anstrich zu verleihen, moniert Foodwatch. Das führe Verbraucher in die Irre. Nach einer Untersuchung der Verbraucherschützer entsprechen 190 von 214 Lebensmitteln, die mit Vitaminen beworben werden, nicht dem, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter einer «ausgewogenen Ernährung» verstehe. «Mit Vitaminwerbung werden Verbraucher bewusst in die Irre geführt und ihr Bemühen um eine gesunde Ernährung torpediert», kritisiert Foodwatch-Expertin Michaela Kruse.

Welche Standards setzt die WHO?

Foodwatch bezieht sich in seiner Kritik auf Kriterien, die die WHO in Europa Anfang 2015 für eine ausgewogene Ernährung vorgestellt hat. Dabei geht es etwa um Anteile von Fett, Zucker oder Salz. Die WHO-Grenzwerte gelten allerdings für Lebensmittelwerbung, die sich an Kinder richtet. Übergewicht und Adipositas sollten damit verhindert werden. Die Standards sind sehr streng. Danach darf etwa auch Saft gegenüber Kindern überhaupt nicht beworben werden. Milchgetränke sollen einen Anteil von 2,5 Gramm Fett pro 100 Gramm nicht überschreiten.

Was fordert Foodwatch ?

Ein Gesetz, das sogenannte Nährwertprofile einführt. Damit würden Grenzwerte etwa für Fett, Zucker oder Salz festgelegt. Nur Lebensmittel, die diese Werte nicht überschreiten, sollen mit Gesundheitsbotschaften beworben werden dürfen. Bei den Grenzwerten orientiert sich Foodwatch an den WHO-Kriterien. Die Forderung nach Nährwertprofilen unterstützen auch die Verbraucherzentralen.

Gibt es bereits Gesetze, die in eine ähnliche Richtung gehen?

Ja. Die Europäische Union hat 2012 Regeln zur Werbung mit gesundheitsbezogenen Aussagen («Health Claims») aufgestellt. Danach dürfen Lebensmittel nur mit wissenschaftlich belegten Gesundheitsversprechen angepriesen werden. Für die Werbeaussagen braucht es zudem eine Zulassung.

Ist die Kritik neu?

Nicht unbedingt, Lebensmittel mit versprochenem Extra-Nutzen für die Gesundheit stehen bei Verbraucherschützern schon seit längerem in der Kritik. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) monierte 2015 nach einer Stichprobe, dass gesundheitsbezogene Aussagen teils über die EU-weit erlaubten Formulierungen hinaus verstärkt würden.

Was sagt die Industrie zur Kritik von Foodwatch ?

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) wies den Vorwurf der Irreführung zurück. Verbraucher könnten die genaue Zusammensetzung eines Produkts stets in der Zutatenliste nachlesen, die auf der Verpackung aufgedruckt sei, teilte BLL-Chef Christoph Minhoff mit. Hersteller könnten deshalb gar nicht mit zugesetzten Vitaminen über den eigentlichen Inhalt hinwegtäuschen.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Die Plattform macht Kontrollergebnisse von Lebensmittelbetrieben transparent. Foto: Marijan Murat/dpa Plattform bringt Lebensmittelkontrollberichte ins Netz Dreht der Dönerladen um die Ecke mir Gammelfleisch an? Arbeitet mein Lieblingsitaliener sauber? Solche Fragen können Verbraucher mit Hilfe der Internetplattform «Topf Secret» beantwortet bekommen. Doch die Aktion schmeckt nicht jedem.
Der Fipronil-Skandal verdarb vielen Verbrauchern den Appetit auf ein Frühstücksei. Foto: Martin Gerten/dpa Viel Lärm ums Ei: Vom Umgang mit Lebensmittel-Skandalen Schon bei Thomas Mann hatte das Frühstücksei hohen Symbolgehalt. Kein Wunder, dass der Fipronil-Skandal tief an der deutschen Seele rührt. Und dann gibt es ein Viertel der Gesellschaft, dem das Ei genauso wurst ist wie jeder andere Lebensmittelskandal. Wie passt das zusammen?
Ein Lebensmittelkontrolleur überprüft die Temperatur einer Fleischware. Aufgrund von Personalmangel in den zuständigen kommunalen Behörden, entfällt eine große Zahl dieser vorgeschriebenen Kontrollen. Foto: Uwe Anspach/dpa Foodwatch kritisiert Ausfälle bei Lebensmittelkontrollen Verbraucher sollen sich darauf verlassen können, dass Produkte im Kühlschrank in Ordnung sind. Dafür haben Überwacher der Behörden ein Auge auf die Anbieter - doch kommen sie überhaupt regelmäßig?
Von heute an überschreiten 3- bis 18-Jährige die empfohlene Jahresmenge an Zucker. Denn sie sollten höchstens zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr durch freie Zucker aufnehmen. Nach Daten von 2016 waren es aber 16,3 Prozent. Foto: Jens Kalaene Foodwatch erklärt den Montag zum «Kinder-Überzuckerungstag» Im Kampf für eine gesündere Ernährung haben Experten auch zu viel Zucker aus Süßspeisen und Getränken ins Visier genommen. Verbraucherschützer warnen: Kinder haben die empfohlene Jahresmenge bereits heute verzehrt.