Wie Forscher «Desktop-Messies» helfen wollen

13.01.2020
Unmengen von Daten zu speichern ist technisch kein Problem - aber es kann belastend sein für die Psyche, die Energiebilanz und den Geldbeutel. Künstliche Intelligenz soll dem Menschen nun beim Aufräumen helfen.
Mit «Dare2Del» haben Forscher ein Programm entwickelt, das Ordnung auf dem Computer schaffen soll. Foto: Nicolas Armer/dpa
Mit «Dare2Del» haben Forscher ein Programm entwickelt, das Ordnung auf dem Computer schaffen soll. Foto: Nicolas Armer/dpa

Bamberg (dpa) - Die Ordner auf dem Rechner quellen über. Mit ungelesenen Mails, längst vergessenen Dateien und Urlaubsfotos, die sich noch keiner angeschaut hat. Aber Löschen kommt nicht in Frage. Die Nachrichten könnten doch wichtig sein, die Bilder eine schöne Erinnerung.

«Das ist ähnlich wie bei einem unaufgeräumten Dachboden. Das belastet einen, aber niemand wirft was weg», meint Ute Schmid und zuckt mit den Schultern.

Die Professorin für Angewandte Informatik und Kognitive Systeme an der Universität Bamberg kennt das nur zu gut. Auch auf ihrem Rechner schlummern einige Dateileichen, gesteht die 54-Jährige. Dabei ist Vergessen und Löschen wichtig, besonders im Arbeitsalltag. «Zu viele Infos behindern uns nur», sagt Schmid. Arbeitsabläufe seien weniger effizient, das Lösen von Problemen falle schwerer. Ganz zu schweigen von der Suche nach wirklich wichtigen Informationen.

Unterstützung durch Künstliche Intelligenz

Ein Forschungsteam rund um Ute Schmid möchte dem sogenannten «Desktop-Messie» deshalb Hilfe anbieten. Sie entwickeln ein System, das dem Menschen beim Löschen und Vergessen helfen soll - intentionales, also gezieltes Vergessen als Gemeinschaftsaufgabe von Mensch und Künstlicher Intelligenz. «Dare2Del» heißt das Projekt, was so viel bedeuten soll wie «Wage es, zu löschen».

Denn für manche ist es tatsächlich ein Wagnis, Dateien zu löschen. «Digitales Horten» heißt das Störungsbild, das noch kaum erforscht ist. Etwa vier Prozent der Bevölkerung weltweit würden zwanghaft horten, sagt Psychologe Jörg Wolstein von der Universität Bamberg. Wie viele aber neben ihrer Wohnung auch den PC zumüllen, wisse niemand so genau. Denn dank Suchfunktionen und Cloud-Speicher bliebe die Krankheit lange geheim.

Betroffene sammeln zwanghaft Dokumente auf ihrem Rechner, sortieren stundenlang Musiktitel und horten externe Festplatten. «Löschen macht ihnen Angst», erklärt Wolstein. Eine innere Blockade hindere sie daran. «Sie fürchten, sonst etwas zu vergessen oder die Kontrolle zu verlieren.»

Die Forschung von Ute Schmid könnte helfen, das es erst gar nicht so weit kommt. «Davon können vor allem unstrukturierte Menschen profitieren, die nicht so organisiert sind», sagt die 54-Jährige. Dabei solle nichts heimlich verschwinden, denn gerade transparentes und nachvollziehbares Löschen sei wichtig. Nur wenn Personen sich bewusst mit der Entscheidung auseinandersetzen würden, könnten Arbeitsleistung und Beanspruchung positiv beeinflusst werden.

Was kann in den Papierkorb?

So schlägt «Dare2Del» dem Nutzer beim Schließen eines Programms fünf Dateien vor, die er löschen könnte. Wer auf eine der Dateien klickt, bekommt den zugehörigen Ordner angezeigt. Das System liefert dann auch noch eine Begründung, warum das Dokument getrost in den Papierkorb wandern kann. Weil es zum Beispiel schon eine Kopie in einem anderen Ordner gibt oder es sich um eine veraltete Version handelt. Am Ende entscheidet der Nutzer, ob er die Datei löschen möchte oder nicht.

Der Nutzer kann auch die Begründung für das Löschen ändern. «Künstliche Intelligenz soll genauso vom Menschen lernen wie umgekehrt», sagt Schmid, die von einer «Mensch-Maschine-Partnerschaft» spricht. Er kann dem System also beispielsweise erklären, dass er Fotos von der verstorbenen Oma nie löschen möchte. Eine Firma könnte wiederum einstellen, dass Nutzerdaten grundsätzlich nach sechs Monaten gelöscht werden müssen. Speicherplatz koste die Industrie nämlich viel Strom und Geld, so Schmid.

Löschen verbessert auch die Energiebilanz

Unternehmen wie der Autozulieferer Brose rufen ihre Mitarbeiter deshalb dazu auf, regelmäßig Daten zu löschen. So seien immerhin schon 50 Terabyte Speicherplatz freigeworden, sagt Frank Martin, Leiter der Informationstechnologie bei Brose. Rund 180.000 Euro hat das Unternehmen nach Information des Forschungsteams auf diese Weise gespart. «Das Löschen von Hand ist aufwendig und nicht mehr zeitgemäß», so Martin. «Dare2Del» könnte die Lösung sein, auch für die Energiebilanz.

Doch erstmal läuft die Forschung noch drei Jahre. So lange ist das Programm «Intentional Forgetting in Organisationen» der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) angesetzt. Acht interdisziplinäre Expertenteams forschen dabei zum Vergessen, darunter Ute Schmid mit ihrer Kollegin Cornelia Niessen vom Lehrstuhl für Psychologie im Arbeitsleben an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Sie wollen testen, wie sehr Menschen den Löschvorschlägen der Künstlichen Intelligenz vertrauen. Auch das Benutzerdesign ist noch völlig offen. «Dare2Del» könnte in Form einer Büroklammer auftauchen wie früher der Assistent bei Microsoft Office, als Plug-In oder als eigenes Programm. Gerade würden sie vor allem an der Erklärbarkeit und dem interaktiven Lernen tüfteln, erzählt Ute Schmid. Denn auch Künstliche Intelligenz müsse erstmal lernen zu löschen.

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Schwerpunktprogramm der DFG


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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