Welches Land ist klimatisch am vielfältigsten?

29.11.2018
Der eine will im Urlaub den ganzen Tag in der Sonne liegen, der andere geht lieber in kühler Luft wandern. Die Wetteraussichten spielen bei der Wahl des Reiseziels eine wichtige Rolle. Doch gibt es auch ein Land, das für alle das richtige Klima zu bieten hat?
In Nepal herrschen extreme Klimaunterschiede: Im hohen Himalaya auf mehr als 7000 Metern herrscht Permafrost. Im Tiefland gibt es zum Teil tropische Verhältnisse. Foto: Florian Sanktjohanser/dpa-tmn
In Nepal herrschen extreme Klimaunterschiede: Im hohen Himalaya auf mehr als 7000 Metern herrscht Permafrost. Im Tiefland gibt es zum Teil tropische Verhältnisse. Foto: Florian Sanktjohanser/dpa-tmn

Hamburg (dpa/tmn) - Üppige Vegetation und karge Landschaften, unglaublich viel Regen und wüstenähnliche Verhältnisse, frostige und tropische Temperaturen: Manche Länder bieten klimatische Extreme auf vergleichsweise kleiner Fläche. Doch welches ist am vielfältigsten?

Jürgen Böhner, Professor für Physische Geographie an der Universität Hamburg, hat eine Antwort, die nur auf den ersten Blick überrascht: Nepal. «Es hat diese extremen Höhenunterschiede, die kein anderes Land erreicht, von 8848 Meter auf dem Mount Everest bis unter 200 Meter in der Indus-Ganges-Ebene.»

Im hohen Himalaya auf mehr als 7000 Metern herrscht Permafrost. Im wärmsten Monat des Jahres überschreiten die Temperaturen dort kaum die Grenze von 0 Grad. Im Tiefland gibt es dagegen zum Teil tropische Verhältnisse. Auch auf kurzen Distanzen zeigen sich im Land extreme Unterschiede: Im Kali-Gandaki-Tal, dem am tiefsten eingeschnittenen Tal der Welt, gehe es auf einer Distanz von nur 50 Kilometern von halbwüstenähnlichen zu sehr feuchten Verhältnissen über, sagt Böhner. «Dies ist für mich die spektakulärste Vielfalt, die man sich innerhalb eines Landes vorstellen kann.»

Doch auch andere Länder bieten eine große klimatische Vielfalt. Bolivien etwa, wo tropische Regenwälder in den Tiefebenen nur wenige hundert Kilometer von den extrem trockenen Hochebenen in den Anden entfernt liegen. Und im Süden Chiles ist es an der Westabdachung der Anden sehr feucht, im Norden fällt in der Atacama-Wüste teilweise jahrzehntelang kein Tropfen Regen.

In Neuseeland fallen an der Westseite der Südalpen mancherorts pro Jahr bis zu 6000 Liter Regen pro Quadratmeter im langjährigen Schnitt - und auf der anderen Seite des Hochgebirges, im Osten, kommen teilweise nur knapp 330 Liter herunter.

Auch Norwegen kann sehr trocken sein: An der Ostseite des Jotunheimen-Gebirges herrschten bei durchschnittlichen Jahresniederschlägen von zum Teil unter 300 Litern pro Quadratmeter nahezu subsaharische Verhältnisse, sagt Böhner. «Von dem Land kennt man ja eher das Klischee der sehr feuchten Westküste mit seinen Fjorden.»

Die großen Flächenstaaten wie Russland, Kanada und USA haben allein aufgrund ihrer Nord-Süd-Ausdehnung eine große Vielfalt an klimatischen Verhältnissen.

Bleibt die Frage: Wie lässt sich klimatische Vielfalt definieren?

«Erstens drückt es sich durch die Vielfalt von Vegetationszonen aus», sagt Böhner. Dann kommt es noch darauf an, wie deren Grenzen zustande kommen. Der Experte unterscheidet zwischen hygrischen - das heißt von der Niederschlagsmenge abhängigen Vegetationszonen wie dem Übergang von tropischem Regenwald in Wüstenklimate - und sogenannten Wärmemangelgrenzen, bei denen die Temperaturverhältnisse entscheidend für die Vegetationsdifferenzierung sind. Dies ist zum Beispiel in Hochgebirgen wie den Alpen zu sehen, wo sich die Vegetation von den Tälern bis zu den Bergspitzen stark verändert.

In Deutschland bietet aus Böhners Sicht der Harz auf kleiner Fläche große klimatische Vielfalt. Auf dem Brocken, der mit 1141 Metern Meereshöhe bereits die Waldgrenze erreicht, sei es sehr niederschlagsreich, während weiter im Osten - in den Niederungen der Saale - zum Teil nur so viel Regen im Jahresdurchschnitt fällt wie in der südlichen Sahel-Zone in Afrika. «Man muss also gar nicht so weit reisen, um klimatische Vielfalt zu erleben», sagt Böhner.

Profil Jürgen Böhner


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Der Wechselkurs steht günstig. London-Touristen könnten das nutzen. Foto: Friso Gentsch Brexit-Votums: Wird der Tourismus ein Gewinner? Im Riesenrad London Eye auf die Themse blicken oder durch blühende Gärten im Süden streifen - Großbritannien hat vielfältige Reize. Das Rekordtief des Pfunds könnte nun Folgen für den Tourismus haben.
Spanien gilt nur knapp der Hälfte der Befragten als ein Land, in dem sie sich im Urlaub wohl fühlen. Grund sind wohl auch Demonstrationen gegen zu viele Touristen. Foto: Patrick Schirmer Sastre/dpa Nur fünf Reiseländer gelten mehrheitlich als sicher Anschläge, Gewalt, Unruhen und hohe Kriminalität schrecken Touristen ab. Die Deutschen fühlen sich mehrheitlich nur noch in wenigen Ländern als Urlauber wohl und sicher.
Stefanie Berk ist Vorsitzende der Geschäftsführung bei der Thomas Cook Touristik GmbH. Foto: Thomas Cook Unruhige Zeiten: «Die Urlaubsentscheidungen dauern heute länger» Die Zeiten sind sehr politisch, die Gesellschaften in vielen Ländern nicht nur in Europa scheinen sehr polarisiert. Wirken sich Politik und Image eines Landes auf das Reiseverhalten aus? Fragen dazu an Stefanie Berk, Touristikchefin beim Veranstalter Thomas Cook.
Einige in Deutschland fragen sich: In diesem Jahr Urlaub machen in der Türkei - ja oder nein? Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa Was spricht für einen Türkei-Urlaub - was dagegen? Die Kluft in der Türkei ist groß: Auf der einen Seite stehen Sonne, Strand und günstige Ferienhotels. Auf der anderen Seite sind da Hetze gegen Europa, Terror und die Verfolgung politischer Gegner. Was ist nun von Urlaub in der Türkei zu halten?