Tagebuch-Apps können gesundheitsfördernd sein

13.09.2021
Einen schönen Urlaub, das erste Verliebtsein oder den Streit mit der besten Freundin: All diese Momente speicherte früher das Tagebuch. Besondere Daten lassen sich heute aber auch digital festhalten.
Schreiben, um Erlebnisse zu verarbeiten: Was früher das Tagebuch konnte, erledigen heute Tagebuch-Apps. Foto: Christin Klose/dpa-tmn/Illustration
Schreiben, um Erlebnisse zu verarbeiten: Was früher das Tagebuch konnte, erledigen heute Tagebuch-Apps. Foto: Christin Klose/dpa-tmn/Illustration

Berlin (dpa/tmn) - Ob der erste Kuss oder die schlechte Mathe-Note: Das eigene Tagebuch kannte früher alle Geheimnisse. Wer heute etwa sportliche Aktivitäten, gelungene Rezepte oder ein schönes Treffen mit Freunden schriftlich festhalten will, kann das digital tun: mithilfe von Tagebuch-Apps.

In solchen Apps können Ereignisse und Aktivitäten, aber auch Ideen, Stimmungen oder persönliche Ziele erfasst und an einem Ort gespeichert werden. Dabei lässt sich so ein «Lebens-Album» auf verschiedene Weise mit verschiedenen Schwerpunkten gestalten.

«Meiner Meinung nach muss eine App leicht zugänglich sein», sagt Gregor Pichler. Er ist App-Entwickler, Mobile Computing Spezialist und Lektor an der Fakultät für Informatik, Kommunikation und Medien der Fachhochschule Hagenberg. «Je einfacher und hürdenloser der Anfang des Tagebuchschreibens mit einer App ist, desto besser.» Graphisch ansprechend und einfach aufgebaut müsse sie sein. Zudem dürfe sie keine unnötigen Passwörter erfordern und keinen Druck erzeugen, jeden Tag schreiben zu müssen.

Außerdem sei natürlich gerade bei Tagebuch-Apps das Thema Datensicherheit sehr wichtig. «Die Tagbucheinträge sollten im Idealfall das Gerät nicht verlassen, sondern lokal auf den eigenen Geräten gespeichert und ausgewertet werden», sagt Pichler. Wer sichergehen will, dass die Dateneinträge nicht verloren gehen, sollte nach einer App suchen, bei der die Daten optional in einer persönlichen Cloud gespeichert werden können.

Wer nicht schreiben will, kann Fotos oder Sprachnotizen anfügen

Funktionen, die laut Pichler im Bereich Tagebuch-Apps aktuell interessant sind, sind nicht nur das Hinzufügen von Fotos oder Sprachmemos zu den Einträgen, sondern auch die Integration anderer Tools und Services - zum Beispiel aus dem Bereich der Musik oder der Vitaldaten. «Für Nutzerinnen und Nutzer, die gar nicht schreiben wollen, wird in Zukunft das Hinzufügen von Songs in Tagebuch-Apps möglich sein», so der App-Entwickler.

Potenzial läge dann zum Beispiel darin, diese Daten mit einem Schrittzähler zu koppeln und nachzuverfolgen, an welchen Tagen man zu welchem Song vielleicht einen besonders langen Spaziergang zu einem persönlichen Lieblingsplatz gemacht habe. So könne dann beispielsweise eine individuelle Playlist für einen bestimmten Zeitraum generiert werden.

«Dass viele Apps tatsächlich ohne den planungsaufwendigen Schreibprozess auskommen, sehe ich als Vorteil», sagt Joachim Grabowski. Er forscht am Institut für Psychologie der Leibniz Universität Hannover zu schriftlicher Sprachproduktion und Schreibprozessen. Bildungsbezogen könne man das positiv sehen: Die Teilhabe werde dadurch erhöht.

Ein Nachteil des Tagebuchführens ohne Schreiben sei laut Grabowski hingegen, dass vieles von dem, was Tagebuch führen «eigentlich» ausmacht, nicht mehr möglich sei: Zum Beispiel etwas, was einen selber angeht, zu vergegenwärtigen. «Wenn die Bedienung der Apps auf Schnelligkeit und Zweckmäßigkeit ausgelegt ist, werden Erlebnisse nicht wirklich gedeutet und sprachlich ausgestaltet, sondern es entstehen kleine, punktuelle Berichte oder Dokumentationen», so Grabowski.

Gesetzliche Krankenkassen müssen Kosten für die Apps übernehmen

Jemand, der es auf die «klassische» Funktion des Tagebuchführens abgesehen hat, findet so wahrscheinlich keinen Spaß an den Apps. «Wer Einordnungsprozesse machen oder sich sprachlich ausprobieren möchte, wird eher auf ein traditionelles Medium zurückgreifen», schätzt der Sprachwissenschaftler.

Seit dem Inkrafttreten des Digitale-Versorgung-Gesetzes 2019 können Ärzte ihren Patienten bestimmte Gesundheitsapps verschreiben. Das Gesetz besagt auch, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Apps übernehmen müssen.

«Das sehe ich als wichtiges Signal - gerade auch, wenn es um mentale Gesundheit geht», sagt App-Entwickler Gregor Pichler. Studien weisen darauf hin, dass das Schreiben über traumatische, belastende oder emotionale Ereignisse nachweislich zu einer Verbesserung der physischen und psychischen Gesundheit führt.

© dpa-infocom, dpa:210910-99-169986/2

Studienpapier zu gesundheitlichen Nutzen des expressiven Schreibens


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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