Milder Winter begünstigt Waschbär

08.03.2016
Er wirkt possierlich und ist doch eine Gefahr für die heimische Flora und Fauna: der Waschbär. In Thüringen vermischen sich neuerdings bislang getrennt lebende Populationen.
In Deutschland breiten sich die Waschbären aus. Foto: Peter Steffen
In Deutschland breiten sich die Waschbären aus. Foto: Peter Steffen

Erfurt (dpa) - Der Waschbär ist in Thüringen weiter auf dem Vormarsch. «Begünstigt durch den sehr milden Winter rechnen wir mit einer deutlichen Zunahme der Waschbär-Bestände», sagte der Geschäftsführer des Landesjagdverbands (LJV) Thüringen, Frank Herrmann.

Die Abschusszahlen würden dieses Jahr vermutlich noch einmal deutlich ansteigen. Schon in den vergangenen Jahren hatten sich diese vervielfacht: Zum Ende des Jagdjahres im März 1996 waren in Thüringen 331 Waschbären erlegt worden; 2013 lag die Zahl bei 8600; am Ende des Jagdjahres 2015 wurden dann mehr als 10 000 erlegte Waschbären gezählt. «Tatsächlich ist das aber nur ein Bruchteil der Population. Das Vorkommen ist um ein Vielfaches größer», berichtete Herrmann. Weil der nachtaktive Jäger so versteckt lebe, sei eine seriöse Schätzung nicht möglich. Das Leben im Verborgenen mache eine wirksame Bekämpfung fast unmöglich.

Während der Waschbär in Ostthüringen und südlich des Rennsteigs noch eher selten vorkommt, hat er laut Jagdverband besonders Nordthüringen bereits fest in der Hand. Fast die Hälfte der im Freistaat erlegten Exemplare stammten aus den Kreisen Nordhausen, dem Eichsfeld, dem Unstrut-Hainich- sowie dem Wartburgkreis. Sogar in den Randbezirken von Erfurt, Weimar und Gera leben inzwischen Waschbären.

«Los werden wir dieses Problem vermutlich nie wieder, wir können allenfalls regulierend eingreifen», erklärte Herrmann. Trotz seines putzigen Aussehens sorge der Einwanderer für massive Probleme in der heimischen Flora und Fauna. Für Vogelpopulationen könne der Nesträuber ähnlich verheerend sein wie für geschützte Amphibien. Auch die Landwirtschaft kenne das Problem: «Ein paar Tiere reichen aus, um etwa einen Pflaumenbaum innerhalb einer Stunde leer zu fressen.»

Selbst Tierschützer stehen dem Waschbär deswegen skeptisch gegenüber. «Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Tierwelt durch Straßen und Landwirtschaft bereits so stark unter Druck geraten ist, dass der Waschbär oft nur noch den letzten Todesstoß gibt», sagte der Biologe Arne Willenberg vom Naturschutzbund (Nabu) Obereichsfeld. Eine flächendeckende Bejagung sei wenig sinnvoll, weil Waschbär-Weibchen die stärkere Bejagung mit größeren Würfen ausglichen.

Nur in Schutzgebieten sei eine gezielte Jagd unter Umständen sinnvoll, bemerkte Willenberg. Viel effektiver als die Bejagung wäre ein Umdenken bei den Landwirten. Durch Ackerrandstreifen oder Hecken an Bachläufen könnten mehr Rückzugsgebiete für bedrohte Tiere geschaffen werden.

Ursprünglich wurde der Waschbär wegen seines Fells auf Pelztierfarmen in Europa gehalten. In den 1930er Jahren wurde der eigentlich in Nordamerika heimische Räuber in Hessen erstmals bewusst ausgewildert. Besonders im Großraum Kassel sind die Bestände mittlerweile sehr groß und sie besiedeln immer wieder Dachböden oder auch Gärten. Im Zweiten Weltkrieg aus brandenburgischen Pelzfarmen entkommene Waschbären bildeten schnell eine zweite große Population. Nordthüringen ist Willenberg zufolge eine der Regionen, in denen die bisher getrennt lebenden Vorkommen derzeit aufeinander treffen und sich vermischen.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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