Kirchen, Zimmer, Wolkenkratzer: So gelingen Architekturfotos

19.05.2016
Ob Eiffelturm oder Schloss Neuschwanstein, Strandbungalow oder Industrieruine, Gebäude sind beliebte Fotomotive. Wer sie richtig in Szene setzen will, hat vor allem mit drei Dingen zu kämpfen: Größe, Licht und Linien.
Kontraste und Schatten: Wer Gebäude fotografieren möchte, muss mit dem Licht planen und spielen. Foto: Arno Burgi
Kontraste und Schatten: Wer Gebäude fotografieren möchte, muss mit dem Licht planen und spielen. Foto: Arno Burgi

Frankfurt/Main (dpa/tmn) - Unbeweglich stehen sie da, und doch ist es nicht so leicht, Gebäude auf Fotos zu bannen. Entweder der Kirchturm passt nicht ganz aufs Bild, ein Auto ist im Weg oder der schöne Erker ist nicht erkennbar. In der Architekturfotografie braucht es Geduld und gute Planung.

Vorbereitung: «Ich habe alle Zeit der Welt, mich dem Gebäude zu nähern», sagt Constanze Clauß vom Photoindustrie-Verband. Das solle man nutzen, um sich von allen Seiten einen Eindruck zu verschaffen. Ein Grundverständnis von Aufbau, Statik und Proportionen eines Gebäudes helfen beim Fotografieren.

Ausrüstung: «Wir brauchen weitwinklige Objektive, um das Gebäude ganz drauf zu kriegen», erklärt Thomas Nutt, Architektur-Fotograf aus Hamburg. Dazu sind sehr kurze Brennweiten nötig, zum Beispiel mit 20 mm. Nutt empfiehlt außerdem ein - am besten 2,50 Meter - hohes Stativ. «Damit man jede Nuance unter Kontrolle hat», sagt er. Wer die Architektur möglichst korrekt abbilden will, muss Geld in die Hand nehmen. Objektive ohne optische Fehler sind teuer, genauso wie Tilt-Shift-Objektive. Sie ermöglichen Perspektivkorrekturen, zum Beispiel bei stürzenden Linien. Ein Polfilter gegen Reflexionen auf spiegelnden Oberflächen kann die Arbeit ebenfalls erleichtern.

Licht: Hier kommt das Wetter ins Spiel. «Jedes Gebäude braucht ein eigenes Licht», erklärt Nutt. «Eine große Glasfläche würde ich versuchen, im Sonnenschein oder in der blauen Stunde zu fotografieren», gibt er ein Beispiel. Hier kann man gut mit Spiegelungen arbeiten. Andere Gebäude wirken vielleicht mit stürmischem Wolkenhimmel oder Nebelschwaden beeindruckender. Constanze Clauß rät, vormittags oder nachmittags zu fotografieren. «Man muss gucken, dass das Licht so fällt, dass die Zeichnung der Oberfläche richtig hervortritt», sagt sie. Auf Lageplänen kann man Schattenwurf und Lichteinfall bereits im Voraus abschätzen.

Perspektive: «Die Perspektive muss man sich erlaufen», sagt Thomas Nutt. Am besten wählt man sie nach den Linien aus, denen man folgen will, zum Beispiel Dachkanten oder Säulen. Will man die Symmetrie eines Louis-XIV-Schlosses zeigen, ist ein mittiger Standpunkt hilfreich. Bei asymmetrischen Gebäuden gibt es vielleicht ganz andere reizvolle Blickwinkel. Auch die Umgebung ist wichtig. Parkende Autos, Laternenpfähle, all das lenkt vom eigentlichen Objekt ab, ebenso Farbtupfer wie gelbe Briefkästen oder Passanten in bunten Jacken.

Oft sind maßstabgebende Elemente sinnvoll, um Proportionen zu verdeutlich. Das können einerseits Menschen sein, aber auch ganz banale Dinge wie etwa Türklinken. Wer Menschen verschwinden lassen will, kann das elegant per langer Belichtungszeit tun, erklärt Clauß: Passanten verschwimmen so zu kaum sichtbaren Schwaden.

Innenarchitektur: Natürlich kann man Gebäude auch von innen ablichten, zum Beispiel die schicke Ferienwohnung oder das neue WG-Zimmer. Um den Raum möglichst ganz aufs Bild zu kriegen, sollte man aus einer Ecke heraus fotografieren. Und zwar nicht mittig, sondern eher im Verhältnis ein Drittel zu zwei Dritteln, rät der Kölner Fotograf Oliver Rausch. «Wenn man ein Bild von einem Zimmer machen will, sollte die Kamera nach Möglichkeit gerade sein», sagt Thomas Nutt. «So sind auch Decke und Boden auf dem Bild zu erkennen.» Und: Auf keinen Fall blitzen. Das mache die Architektur «platt».

Stil: Hier muss jeder seinen eigenen Ansatz finden. «Ich muss in das Gebäude eintauchen», rät Clauß. Entweder man geht ganz nüchtern an die Architektur heran, zeigt Gegensätze oder wählt extreme Perspektiven. Auch mit Farbfehlern oder Verzerrungen darf man Akzente setzen. «Entweder das, was stört, zum Stil erheben oder eben vermeiden», fasst Rausch zusammen. Schwarz-weiß sollte man im RAW-Format fotografieren und die Bilder später am PC bearbeiten, rät Clauß. So behalten die Bilder ihre vollen Kontraste.

Verzerrung: Fotograf Nutt rät von der Froschperspektive ab: «Die sollte man vermeiden, wenn man einigermaßen neutrale Fotos will». Denn bei extremen Perspektiven entstehen schnell stürzende Linien: Die Ränder des Gebäudes fallen dann nach oben hin optisch zusammen. Einige Kameras können das bereits korrigieren, erklärt Clauß. Auch mit Shift-Objektiven lassen sich stürzende Linien vermeiden. Oder man rückt die Linien bei der Bildbearbeitung am Rechner gerade.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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