In Malé zeigen sich die Malediven von einer anderen Seite

20.11.2018
Wer auf die Malediven fliegt, übernachtet in abgeschotteten Resorts, schwelgt häufig im Luxus, genießt Cocktails am Strand. Kaum jemand besucht die Hauptstadt Malé. Hier tobt das echte Leben. Der Gegensatz könnte kaum größer sein.
Blick auf Malé, die Büroturm-Stadt der Malediven im Indischen Ozean. Foto: Bernhard Krieger
Blick auf Malé, die Büroturm-Stadt der Malediven im Indischen Ozean. Foto: Bernhard Krieger

Malé (dpa/tmn) - Auf den kleinen Malediven-Inseln scheinen abends mit der Sonne auch alle lauten Geräusche im Indischen Ozean zu versinken. Wunderbare Stille. Ganz anders in Malé.

Wenn die Hitze am Ende des Tages erträglich wird, erwacht die Hauptstadt des Inselstaats. Dann schwirren Tausende Motorroller wie ein aufgescheuchter Wespenschwarm durch die engen Straßenschluchten. Ihr Geknatter hallt von den Wänden der Häuser wider. Rund 30.000 motorisierte Zweiräder sind in Malé unterwegs. Ein Auto besitzt kaum jemand. Wozu auch? Die Straßen sind eng, voll und kurz. So mancher Autofahrer in der Stadt hat noch nie in den vierten Gang geschaltet.

Pulsierende Inselstadt

In Malé leben fast 100.000 Menschen auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern. Die maledivische Hauptstadt ist einer der am dichtesten besiedelten Fleckchen der Erde. Mit Moscheen, Appartement-Häusern und Bürokomplexen ist Malé ein zubetonierter Sandhaufen im Indischen Ozean, auf dem es spät abends wimmelt wie in einem Termitenhügel. Dann schwärmen die Malediver ins Nachtleben aus. An jeder Ecke gibt es einfache Restaurants, Cafés und Teestuben - aber keine Bars. Alkohol ist auf Malé verboten. Die Malediven sind ein streng muslimisches Land. Alkohol gibt es in der Hauptstadt nur auf der Flughafen-Insel Hulhulé, wo das «Island Hotel» wohl allein von den Einnahmen seiner Bar leben könnte.

Premium-Tourismus

Während Malediver Shisha rauchend beim Tee in Malé zusammensitzen, wird gerade auf All-inclusive-Resortinseln draußen in den 26 Atollen ordentlich gebechert. Auf den meisten der weit mehr als 100 Touristeninseln, auf denen sich immer nur eine Hotelanlage befindet, wird aber moderat getrunken. Auf den Malediven gibt es keinen Ballermann-Tourismus. Der Inselstaat hat sich geschickt als Premium-Destination etabliert.

Trotz aller politischer Turbulenzen hielten alle Staatschefs stets daran fest, die Malediven als Top-Tourismus-Destination zu positionieren. Heute dominieren in den Atollen Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. Die Hauptstadt ist nur rund 20 Minuten mit dem Wasserflugzeug oder rund eine Stunde mit einer schnellen Jacht entfernt. Dennoch liegen Welten zwischen dem Urlauberleben und dem Alltag der Einheimischen in Malé. Und das gilt nicht nur für das Alkoholverbot der Malediven, von dem die Touristeninseln ausgenommen sind.

Parallelwelt der Luxusresorts

In den Luxusresorts wird ein westlich-liberaler Lebensstil gepflegt. Die meisten Urlauberinnen tragen an den Stränden weniger Stoff am Körper als viele Malediverinnen in Malé auf dem Kopf. Der Jahrzehnte lang moderat praktizierte Islam wird zunehmend strenger ausgelegt.

Auf den Ferieninseln ist davon wenig zu spüren. Urlauber kommen mit dem normalen Leben auf den Malediven kaum in Berührung. Nach der Landung auf dem Flughafen von Malé reisen sie in der Regel umgehend per Wasserflugzeug oder Schnellboot weiter.

Ausflüge in die Hauptstadt machen nur wenige. Erst recht, seitdem das Auswärtige Amt dazu rät, von nicht notwendigen Reisen nach Malé abzusehen. Grund für die Warnung waren Unruhen in der Hauptstadt Anfang 2018. Reiseveranstalter und Resorts haben daraufhin ihre Ausflugsprogramme eingestellt.

Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt

Dabei wäre Malé durchaus einen Abstecher wert. Fähren pendeln im Minutentakt zwischen der Flughafen-Insel und der Hauptstadt. Ganz in der Nähe der Anlegestelle befinden sich das Islamische Zentrum mit der imposanten Moschee Masjid al-Sultan Mohammed Thakurufaanu Al Azam. Gegenüber liegt Rasrani Bageechaa, einer der wenigen größeren Parks, und auf der anderen Seite der frühere Präsidentenpalast. Die alte Freitagsmoschee Hukuru Miskiiy versteckt sich in der Mitte der Insel. Das aus Korallensteinen errichtete Gotteshaus wurde Mitte des 17. Jahrhunderts auf Befehl von Sultan Ibrahim Iskandar I. erbaut.

Ehrgeizige Städtebauprojekte

Auch heute noch werden auf den Malediven immer wieder mal kleinere Moscheen gebaut. Der Bauboom im Inselstaat aber hat nichts mit Religion, sondern mit Rendite zu tun. Allein 2017 wurden zwei Dutzend neue Resorts eröffnet. Praktisch jede große Hotelkette hat mindestens ein Resort auf den Malediven. Um im Wettbewerb zu bestehen, sucht jedes Haus nach einem Alleinstellungsmerkmal.

Die Resort-Bauprojekte in den Atollen bleiben Urlaubern meist verborgen. Zu riesig ist die Ausdehnung des Landes. Über eine Länge von fast 900 Kilometern in nordsüdlicher Richtung erstrecken sich die Malediven. Von den knapp 1200 Inseln sind nur rund 220 bewohnt.

Unübersehbar ist dagegen die Bauwut auf und rund um Malé. An vielen Ecken wird mit Sandaufschüttungen Land gewonnen. Die Flughafeninsel wurde mit der Hauptstadtinsel durch eine mehrspurigen Brücke verbunden, die erstmals Malé an die gigantischen Neubausiedlungen auf der Flughafeninsel anschließt. Bis 2020 soll dort Wohnraum für 100.000 Menschen geschaffen werden. Auch Touristen sollen von dem gigantischen Städtebauprojekt profitieren, durch Freizeitkomplexe. Ob die Urlauber diese nutzen werden, ist fraglich. Wer besucht schon ein Vergnügungszentrum mit Fast-Food-Läden, wenn er stattdessen ein paar Minuten mehr auf einer Trauminsel verbringen kann?

Reise- und Sicherheitshinweise für die Malediven

Malediven

Anreise und Formalitäten: Zahlreiche Fluggesellschaften fliegen von Deutschland aus direkt oder mit Zwischenstopp auf die Malediven. Bürgern aus EU-Staaten reicht ein gültiger Reisepass zur Einreise.

Klima und Reisezeit: Auf den Malediven ist immer Sommer. Die Luft-Temperaturen liegen zwischen 25 und 31, die Wassertemperaturen zwischen 27 und 29 Grad.

Informationen: www.visitmaldives.com


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Mauritius ist vor allem für seine Traumstrände bekannt. Foto: Bamba/Mauritius Tourism Promotion Authority/dpa Eine Reise ins Blaue: Mauritius günstig(er) erleben Postkarten-Idylle - das muss eine Insel ja haben, deren Name die bekannteste Briefmarke der Welt ziert: Mauritius. Vielerorts hat dieser Anblick seinen Preis. Die Insel lässt sich aber auch günstig erleben - ein paar Ideen für Urlauber im Paradies.
Speisen unter den Haien: Das «Conrad Rangali» mit seinem «Ithaa»-Restaurant war Vorreiter in Sachen Unterwasser-Restaurant. Foto: Adam Bruzzone/Conrad Hotels & Resorts/dpa-tmn Dinieren auf und unter dem Wasser: Malediven für Gourmets Die Malediven sind bekannt als Paradies für Badeurlauber, Taucher und Hochzeitsreisende - weniger als Ziel für Gourmets. Das ändert sich aber. Der Archipel im Indischen Ozean, aktuell wegen politischer Unruhen in den Schlagzeilen, mausert sich zu einem Genießer-Hotspot.
Die Kokosinseln gehören politisch zu Australien und bieten türkises Meer wie aus dem Bilderbuch - als Reiseziele sind die Eilande absolut exotisch. Foto: Cocos Keeling Islands Tourism Association/dpa-tmn Von Mauritius bis Weihnachtsinsel: Traumziel Indischer Ozean Unter einer Kokospalme am weißen Sandstrand fläzen, mit Walhaien schwimmen oder einen Vulkan besteigen: Das alles geht am Indischen Ozean. Wo man was am besten macht, hängt vom Budget ab - und von den eigenen Ansprüchen. Eine Auswahlhilfe für Einsteiger.
Die schönsten Strände Sansibars liegen im Norden der Insel - meist kombinieren Touristen einen Aufenthalt in Sansibar-Stadt mit Badeurlaub. Foto: Andrea Tapper/dpa-tmn Sansibar im Wandel: Eine Märcheninsel putzt sich heraus Zerfallen wie Kuba, orientalisch wie Marrakesch, Traumstrände wie auf Mauritius: Die Insel Sansibar ist aus Jahren des Stillstands erwacht. Überall in der Altstadt wird gehämmert und gebaut, Stone Town glänzt wieder. Doch nicht alle sehen den Wandel positiv.