Bundesregierung hebt Reisewarnung für Türkei teilweise auf

05.08.2020
Was die türkische Regierung seit Wochen einfordert, ist jetzt Wirklichkeit: Die Bundesregierung hat grünes Licht für Urlaubsreisen an die türkische Westküste gegeben.
Ein Mann mit einem Besen geht an einem leeren Strand in Antalya entlang. Die Bundesregierung hat die Reisewarnung für die Türkei teilweise aufgehoben. Foto: Marius Becker/dpa
Ein Mann mit einem Besen geht an einem leeren Strand in Antalya entlang. Die Bundesregierung hat die Reisewarnung für die Türkei teilweise aufgehoben. Foto: Marius Becker/dpa

Berlin (dpa) - Nach wochenlangem Zögern hat die Bundesregierung die Reisewarnung für die wichtigsten türkischen Urlaubsgebiete aufgehoben.

Sie gilt seit Dienstag nicht mehr für die Provinzen Antalya, Izmir, Aydin und Mugla. Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer begründete den Schritt mit der relativ niedrigen Zahl von Neuinfektionen in diesen Gebieten und dem «speziellen Tourismus- und Hygienekonzept», das die türkische Regierung entwickelt hat. «Bei einer Verschlechterung der pandemischen Lage kann die Reisewarnung auch für die genannten vier Provinzen wieder eingeführt werden», betonte sie aber.

Die Türkei ist neben Großbritannien damit erst das zweite größere Land außerhalb der Europäischen Union und des grenzkontrollfreien Schengen-Raums, für das die Reisewarnung teilweise aufgehoben wird. Der Schritt könnte nun Forderungen anderer Urlaubsländer wie Tunesien oder Ägypten nach sich ziehen, die ebenfalls auf Touristen aus Deutschland hoffen. Andere beliebte Urlaubsländer der Deutschen außerhalb Europas wie Thailand lassen Touristen noch gar nicht einreisen.

Insgesamt gilt die Reisewarnung wegen der Corona-Pandemie noch für etwa 160 Länder - zunächst bis zum 31. August. Sie ist kein Verbot, hat aber eine erhebliche abschreckende Wirkung. Allerdings hat sie auch eine positive Seite: Sie ermöglicht es Reisenden, Buchungen kostenlos zu stornieren.

Die türkische Regierung hatte wochenlang auf die Aufhebung der Reisewarnung gedrungen. Die Deutschen sind nach den Russen die zweitwichtigste Urlaubergruppe an den türkischen Mittelmeerstränden. Im vergangenen Jahr kamen etwa fünf Millionen Touristen aus Deutschland in Türkei. Umgekehrt ist die Türkei für deutsche Urlauber das drittbeliebteste Reiseland nach Spanien und Italien.

Besonders der südtürkische Urlaubsort Antalya ist bei deutschen Urlaubern angesagt. Nahe der westtürkischen Metropole Izmir liegt der Badeort Cesme, in Mugla zieht es Touristen vor allem nach Bodrum, das bekannt ist für sein türkisblaues Wasser und Wassersport. Auch in Aydin liegen beliebte Urlaubsorte wie Kusadasi und Didim. Für die bei Touristen ebenfalls sehr beliebte Metropole Istanbul bleibt die Reisewarnung allerdings bestehen.

Die tägliche Zahl der Neuinfektionen liegt in der Türkei zurzeit zwischen 900 und 1000 Fällen pro Tag und damit etwa so hoch wie in Deutschland - bei etwa gleicher Bevölkerungszahl. Die türkische Regierung hatte immer wieder betont, das die Zahl der mit dem Coronavirus Infizierten an den Urlaubsorten gering seien.

Demmer sagte, mit der jetzt getroffenen Vereinbarung sei es gelungen, «Tourismus in die Türkei dort zu ermöglichen, wo er in Einklang mit den erforderlichen Vorgaben des Infektionsschutzes gebracht werden kann». Zugleich sei es gelungen, insgesamt den Rückreiseverkehr aus der Türkei nach Deutschland so zu gestalten, dass sich die Gefahr des Eintrags neuer Infektionen in unser Land verringert.

Die Türkei werde von sämtlichen Personen, die aus der Türkei nach Deutschland zurückreisen, bei der Ausreise die Vorlage eines negativen Corona-Testnachweises verlangen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Die Tests sind von den Rückreisenden auf eigene Kosten zu veranlassen (zwischen 15 und 30 Euro).

Die türkische Regierung zeigte sich zufrieden. «Wir begrüßen die Aufhebung der Reisewarnung Deutschlands für unsere Ferienregionen», schrieb Außenminister Mevlüt Cavusoglu auf Deutsch und Türkisch auf Twitter. Cavusoglu stammt aus Antalya und engagiert deswegen besonders für die türkische Tourismusbranche. Der türkische Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy schrieb. «Wir sind bereit, unsere deutschen Gäste im Rahmen des «Zertifikationsprogramms für gesunden Tourismus» zu empfangen.»

Für die türkische Tourismusbranche ist der Schritt von erheblicher Bedeutung. Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige für die Türkei. Durch die Corona-Pandemie ist der jedoch stark eingebrochen. Alleine im Juni kamen nach Angaben des Tourismusministeriums fast 96 Prozent weniger Besucher ins Land als im Vorjahr. In den ersten sechs Monaten des Jahres waren es demnach rund 75 Prozent weniger Touristen als noch 2019.

Auch die deutschen Reiseveranstalter atmen auf. «Eine gute Nachricht nicht nur für die Urlauber, sondern auch für die Reisewirtschaft», sagte Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV). Er rief auch die Urlauber zu verantwortungsvollem Handeln auf. «Wir dürfen die zarte Pflanze Reisefreiheit jetzt auf keinen Fall gefährden.»

Die Aufhebung der Reisewarnung ist aber auch ein Politikum. Cavusoglu war Anfang Juli eigens nach Berlin gereist, um dafür zu werben - zunächst vergeblich. Er warf der Europäischen Union vor, Reisebeschränkungen für die Türkei aus «politischen Motiven» aufrechtzuerhalten. «In Sachen Gesundheit sind Deutschland und die Türkei zwei der besten Länder auf der Welt», sagte er.

Nun geht Deutschland in Sachen Türkei seinen eigenen Weg - unabhängig von der EU. Das stößt auch auf Kritik. «Es hätte schon lange vor Corona eine Reisewarnung für die Türkei geben müssen, allein schon wegen der willkürlichen Inhaftierung Andersdenkender und Geiselnahme von Deutschen», sagte die Linken-Außenpolitikerin Sevim Dagdelen, Vorsitzende der deutsch-türkischen Parlamentariergruppe im Bundestag, der «Welt». «Die Aufhebung der Reisewarnung jetzt für Urlaubsgebiete kommt einer Verbeugung vor Erdogan gleich. (...) Offenbar müssen hier nur oft genug türkische Minister auf den Tisch hauen und schon springt die Bundesregierung.»

© dpa-infocom, dpa:200804-99-40539/5


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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