Barfuß durchs Watt von Amrum nach Föhr

18.07.2019
Wattwanderungen gehören zum Urlaub an der deutschen Nordseeküste. Doch nur zwischen Amrum und Föhr lässt sich die Distanz zwischen zwei Inseln zu Fuß überwinden. Ein Plädoyer für die Langsamkeit.
Bei Ebbe verwandelt sich das Meer vor Föhr in ein Wattwanderer-Paradies. Foto: Oliver Franke/Foehr Tourismus GmbH
Bei Ebbe verwandelt sich das Meer vor Föhr in ein Wattwanderer-Paradies. Foto: Oliver Franke/Foehr Tourismus GmbH

Amrum/Föhr (dpa/tmn) - Völlig losgelöst. So fühlt es sich an. Mitten im Watt liegen die Küsten der drei Nordseeinseln endlos weit entfernt: 3,5 Kilometer bis Sylt, 4 Kilometer bis Föhr, 3 Kilometer bis Amrum.

Auch nach 20 Jahren im Watt packt diese Freiheit den Amrumer Dark Blome. «Das hier ist eine der schönsten Ecken, die ich kenne», sagt der Wattführer, bevor er in den Sand zeichnet, wie Ebbe und Flut entstehen. Sonne, Erde, Mond - das Geheimnis der Gezeiten.

14-Kilometer-Tour

Fast 350 Tage im Jahr ist Blome in dem Unesco-Weltnaturerbe unterwegs. An diesem Morgen im Mai sind es neun Menschen, die mit ihm von der Ortsmitte in Norddorf auf Amrum bis nach Dunsum auf der Nachbarinsel Föhr laufen wollen. 14 Kilometer hat der 56-Jährige für die heutige Tour veranschlagt. Ein sportliches Programm. Statt auf der direkten Route Richtung Föhr will Blome die Gruppe in einem Schwenk über die Kormoraninsel führen, einer großen Sandbank vor den Küsten der Inseln Amrum, Sylt und Föhr.

Wer sich ins Watt begibt, sollte das nur mit einem kundigen Wattführer tun. Dieser kennt sich aus, weiß, wie Wetter, Ebbe und Flut den Weg beeinflussen, und kann einen gefahrlos von einer Insel zur anderen bringen. Dark Blome nimmt es auch nach unzähligen Jahren im Watt genau. Kartenmaterial und Kompass hat er in seinem Rucksack verstaut. Und für den Fall der Fälle einen zusätzlichen Ersatzkompass dabei. Der Start der Führungen variiert je Zeitpunkt von Ebbe und Flut: Rund zwei Stunden vor Niedrigwasser startet die Wanderung.

Jugendzentrum für die jungen Würmer

Dass die spaghettiartigen Sandhäufchen von Wattwürmern stammen, ist für Nordseeküsten-Urlauber fast Allgemeinbildung. Warum sie am Anfang des Watts allerdings noch zart und klein sind, weiß der Wattführer. «Hier ist unser Jugendzentrum für die jungen Würmer», sagt er. Und weist den Weg Richtung «Seniorenheim».

Bei jedem Schritt graben sich die Zehen in den feinen Sand. Doch nicht überall hat sich das Meer komplett zurückgezogen. Beim Gang durch den großen Priel vor Amrum ist barfuß nicht genug. Als Priel wird ein Wasserlauf im Watt bezeichnet. Also ein kurzer Zwischenstopp zum Hochkrempeln der Hose. Wer sichergehen will, zieht sie einfach aus. 12 Grad Wassertemperatur sind weniger unangenehm als gedacht. Hineinplumpsen möchte trotzdem niemand.

Natürliches Kunstwerk in reduzierten Farben

Der Blick bleibt auf den Boden gerichtet. Jetzt kommen die Muschelbänke, warnt Blome. Verstreut liegen große und kleine Exemplare scharfkantiger Austern auf dem Boden. Der Meeresboden zeigt zugleich immer andere Wellenzeichnungen. Große Wellen, kleine Rillen, enge Rippel - ein natürliches Kunstwerk in reduzierten Farben.

Dass unter dieser anmutigen Oberfläche das pralle Leben steckt, stellt Dark Blome kurz darauf unter Beweis. Mit der Forke, die er am Rucksack trägt, gräbt er einen Wattwurm aus dem Sand - und was für einen. «Das ist ein ganz schöner Johnny, so einen großen hatte ich noch nie», sagt Blome bewundernd.

Blomes Wattkenntnisse scheinen unerschöpflich. Doch die Flut kommt, die Zeit drängt. «Ich möchte euch bitten, mein Tempo beizubehalten», sagt der Wattführer und schreitet beherzt voran. Minutenlang hängt jeder Schritt für Schritt seinen Gedanken nach. Zaghaft bricht endlich die Sonne durch die graue Wolkenwand.

Großes Schauspiel

An der Kormoraninsel wird die Gruppe wieder eins. Vorsichtig deutet Blome nach vorne und reicht sein Fernglas herum. Ein Baby-Seehund liegt nur wenige Meter entfernt auf dem trockenen Untergrund.

Da wissen die Wattwanderer noch nicht, dass sie das ganz große Schauspiel erst erwartet. In Sichtweite des grasigen Deichs in Dunsum auf Föhr lässt Blome die Gruppe verharren und blickt auf seine Uhr. «Um zehn nach eins müsste sie kommen», sagt er. Sie, das ist die Flut. Minute um Minute verstreicht - und dann geht es rasend schnell.

Eine weiße Linie schiebt sich immer näher heran, feines Rauschen begleitet sie. Dann ergießt sich das Meerwasser über den Sandboden, auf dem die Gruppe steht, umspült nackte Füße und Knöchel und fließt weiter Richtung Ufer. Die Kraft der Gezeiten - hier wird sie hautnah erfahrbar für einen Moment. Ein Bus bringt die Gruppe anschließend nach Wyk, mit der Fähre geht es später zurück auf die Nachbarinsel.

Wattwanderung Boyens

Wattwanderung Andreas Heber

Amrum und Föhr

Reiseziel: Amrum und Föhr gehören zu den Nordfriesischen Inseln vor der Westküste Schleswig-Holsteins. Sie liegen im nordfriesischen Wattenmeer und werden vom Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer eingeschlossen.

Anreise: mit dem Auto über die A7 bis zur Abfahrt Schuby, von dort nach Dagebüll Hafen oder über die A23, Abfahrt Heide, von dort nach Dagebüll Hafen. Mit der Bahn ab Hamburg über Heide - Husum - Niebüll bis nach Dagebüll. Von dort fährt mehrmals täglich eine Fähre der Wyker Dampfschiffs-Reederei nach Amrum und Föhr. Fahrpläne gibt es online unter www.faehre.de.

Informationen: Amrum Touristik Wittdün, Inselstraße 14, 25946 Wittdün auf Amrum, Tel.: 04682/ 94030, E-Mail: info@amrum.de; Föhr Tourist-Information, Am Fähranleger 1, 25938 Wyk auf Föhr, Tel.: 04681 300, E-Mail: urlaub@foehr.de


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Verfrorenes Grüppchen: Für eine Winterwattwanderung sollte man sich wärmer anziehen als für einen normalen Spaziergang. Foto: Teresa Nauber Im Winter durchs Watt wandern Eine Wattwanderung verbinden die meisten mit nackten Füßen im Schlick. Davon ist im Winter abzuraten. Wandern können Kältebeständige dennoch - mit der richtigen Kleidung und einem fachkundigen Guide. Am Ende gibt es eine zünftige Belohnung.
Flammen in der Nacht: Die Menschen auf Sylt harren in der Kälte aus beim Bikebrennen - das Zusammengehörigkeitsgefühl ist wichtig. Foto: Larissa Loges Das Feuer der Friesen: Biikebrennen auf Sylt Seit 2014 ist es immaterielles Kulturerbe: das Biikebrennen. Seinen Ursprung hat der nordfriesische Brauch auf der Insel Sylt. Meinen zumindest die Sylter. Sie feiern das Nationalfest mit Fackelzügen, Flammenbergen, Grünkohlgelagen und Tanz.
Der Winter auf Föhr" von Verena Wolff vom 4. Februar 2016: Föhr ist die zweitgrößte deutsche Nordseeinsel. Von Dagebüll können Besucher die Fähre nach Wyk nehmen. Bild: dpa-infografik Foto: dpa-infografik Winter auf Föhr - Wattwandern und Tee trinken Winter im Watt: Wenn der Schnee über den Strand von Föhr weht und der Meeresboden leicht anfriert, ist zwar nicht so viel Bewegung im Watt wie im Sommer - trotzdem lohnt sich der Ausflug in Gummistiefeln.
Tolle Aussichten - die Wasserflächen glitzern, die Luft ist klar, unter den Gummistiefeln knirschen die Muschelschalen. Wattwandern im Winter hat etwas geradezu Meditatives. Foto: Andreas Heimann Wattwurmjagd im Winter - Adventsabend auf Hallig Oland Wattwandern im Winter - was für ein Wahnsinn ist das denn? Bei Kälte und Wind durch den Matsch stapfen? Es gibt nichts Schöneres, sagt Regina Matthiesen. Und sie hat recht. Es ist ein Erlebnis, für das man nicht erst in den Priel fallen muss.