Zahl der Studenten ohne Abitur mit 50 000 auf Rekordniveau

08.03.2016
Studenten haben heute nicht mehr unbedingt Abi. Und viele wollen in Teilzeit studieren, um Kinder zu betreuen oder im Beruf fit zu bleiben. Die Gruppe der Studierenden wird immer heterogener - mit Folgen für die Angebote der Hochschulen.
Die Zahl der Studierenden ohne Hochschulreife erreichte 2014 einen neuen Rekordwert von 50 000. Foto: Fredrik von Erichsen
Die Zahl der Studierenden ohne Hochschulreife erreichte 2014 einen neuen Rekordwert von 50 000. Foto: Fredrik von Erichsen

Berlin (dpa) - Rund 2,7 Millionen Menschen studieren in Deutschland - davon 50 000 ohne Abitur. Diese «Schallmauer» wurde nach aktuellen Berechnungen im vorigen Jahr durchbrochen.

Bereits zwischen 2010 und 2014 hatte sich die Zahl der Studenten ohne allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife schon auf 49 800 verdoppelt. Wie das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) weiter mitteilte, steigt die Nachfrage nach einem Studium ohne Abi kontinuierlich - angefangen bei nur rund 8500 Studierenden 1997.

Die Zahl der Erstsemester ohne Hochschulzugangsberechtigung lag 2014 ebenfalls auf einem neuen Rekordwert bei 14 000. Nach Angaben der bei der Bertelsmann-Stiftung angesiedelten CHE entsprach dies einem Gesamtanteil an den Studienanfängern von 2,8 Prozent.

Einen Boom gab es bei der Zahl der beruflich Qualifizierten, die ein Studium erfolgreich abschlossen - sie kletterte im Vergleich zu 2013 um rund 1000 auf 5300 (plus 22 Prozent). «Vor allem Fachhochschulen haben sich für berufliche Qualifizierte geöffnet», sagte CHE-Expertin Sigrun Nickel. Bei der Fächerwahl entschied sich jeder zweite Erstsemester ohne Abi für einen Studienplatz im Bereich Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Voraussetzung für die Bewerbung um einen Studienplatz ohne Hochschul- oder Fachhochschulreife ist zumindest eine abgeschlossene Berufsausbildung sowie der Nachweis entsprechender Berufserfahrung. Interessierten stehen bundesweit knapp 7000 Studienangebote offen.

Neben Menschen ohne Abitur drängen nach aktuellen CHE-Daten zunehmend «Teilzeit-Studenten» in die deutschen Hörsäle. Doch nur jeder zehnte Studiengang ist auch in Teilzeit studierbar - wer also, etwa aus familiären Gründen oder beruflichen Verpflichtungen, eine Alternative zum Vollzeit-Studium sucht, hat nur begrenzte Auswahl. Aktuell können bundesweit 10,6 Prozent aller Studiengänge in Teilzeit studiert werden, die insgesamt rund 170 000 Teilzeit-Studierenden zieht es vor allem an die privaten Hochschulen.

Die Angebote in den Bundesländern unterscheiden sich laut CHE-Analyse erheblich: Den höchsten Anteil an Teilzeit-Studiengängen im aktuellen Wintersemester 2015/16 gibt es im Saarland mit 64 Prozent. Dahinter liegen Hamburg mit 42,6 Prozent und Brandenburg, wo jeder dritte Studiengang in Teilzeit studiert werden kann. Neun Länder haben eine Quote unter 10 Prozent. Schlusslicht ist Sachsen-Anhalt, wo bei 0,9 Prozent Anteil nicht einmal jeder hundertste Studiengang eine Alternative zum Vollzeit-Studium darstellt.

CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele sagte: «Die aktuellen Zahlen zeigen, dass die Gruppe der Studierenden nicht nur größer wird, sondern auch heterogener. So anspruchsvoll es für die Hochschulen auch klingen mag: Studierende brauchen Angebote, die auf ihre individuelle Bildungsbiografie und Lebenssituation abgestimmt sind.» Das könne ein zusätzliches Betreuungsangebot sein, «aber auch das Seminar nach 18 Uhr oder am Wochenende. Jedem das Passende, nicht allen das Gleiche sollte die Devise für die Hochschulen lauten», sagte Ziegele.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Wer sich rasch entscheidet, kann noch in diesem Jahr ein Studium beginnen und sich schon bald in einem Hörsaal wie diesem wiederfinden. Foto: Oliver Berg/dpa Neue Studienmöglichkeiten: Von Cyber-Sicherheit bis Design Jetzt aber schnell! Einige Hochschulen bieten brandneue Studienprogramme für das kommende Semester an. Doch die Bewerbungsfristen für viele Studiengänge enden bereits in ein paar Tagen.
Neue Masterstudiengänge bieten in diesem Jahr etwa die Universitäten in Bonn, Bochum und Augsburg. Foto: Alaa Badarneh Neue Studienangebote an Universitäten und Fernhochschulen Zum kommenden Sommer- und Wintersemester bieten die Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland einige neue Studiengänge an. Studieninteressierte haben die Möglichkeit, sich noch auf freie Plätze zu bewerben.
Die Bucerius Law School in Hamburg gehört zu dem privaten Hochschulsektor in Deutschland. Foto: Daniel Reinhardt/dpa Nur noch Deutschland bietet gebührenfreie Hochschulbildung In Deutschland spielen Privathochschulen eine Nischenrolle - wenn auch mit steigender Tendenz. Andere Staaten können die Nachfrage nach Studienplätzen nicht mehr mit öffentlichen Unis decken. In diese Lücke stoßen nach einer Studie zunehmend kommerzielle Anbieter.
Für viele Abiturienten geht es nach den Sommerferien mit der ersten Vorlesung los. Foto: Thomas Frey Der «kleine» Abschluss: Wie Bachelor reformiert wird Bachelor nach sechs Semestern - zu vollgepackt sei das Studium, heißt es oft, zu verschult. Nun soll der Bachelor besser an die unterschiedlichen Bedürfnisse der Studenten angepasst werden.