Worauf es in der Probezeit wirklich ankommt

02.05.2022
Hauptsache keine Fehler machen, sich fachlich nicht blamieren: Mit diesem Ansatz gehen viele die Probezeit an. Wer den Arbeitgeber von sich überzeugen möchte, sollte auch auf andere Karten setzen.
In der Probezeit geht die Recruitment-Phase in die Verlängerung: Beschäftigte sollten sich bewusst sein, dass sie unter Beobachtung stehen. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn
In der Probezeit geht die Recruitment-Phase in die Verlängerung: Beschäftigte sollten sich bewusst sein, dass sie unter Beobachtung stehen. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn

Köln/München (dpa/tmn) - Sich gut ins Team integrieren, netzwerken, nicht zu viele Fragen stellen, aber auch nicht zu wenige - und gleichzeitig die eigenen Kompetenzen unter Beweis stellen: Die Probezeit gehen die wenigsten Beschäftigten tiefenentspannt an.

Schließlich besteht in den ersten sechs Monaten des Arbeitsverhältnisses in der Regel kein Kündigungsschutz. Gleichzeitig alles perfekt zu machen - das wird kaum jemand schaffen. Worauf kommt es also in den ersten Monaten im Job wirklich an?

Die Probezeit als «Live-Assessment-Center»

In der Probezeit gehe die Recruiting-Phase in die Verlängerung, sagt Christine Kentzler von der Personal- und Managementberatung Kienbaum. Statt sich am Ziel zu fühlen, sollte man sich bewusst machen, dass man als Neuzugang unter Beobachtung steht.

«Das ist sozusagen ein Live-Assessement-Center», so die New-Placement-Beraterin. Nun gehe es darum, das, was man als Bewerberin oder Bewerber im Auswahlverfahren versprochen hat, im täglichen Geschäft zu zeigen und umzusetzen.

Nicht immer wird alles auf dem Silbertablett serviert

«Dabei sollte ich mich nicht darauf verlassen, dass der Arbeitgeber mir alles auf dem Silbertablett serviert, mich mustergültig an die Hand nimmt und einarbeitet», so Kentzler. Oft genug würden neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins kalte Wasser geworfen. Da zeige sich dann, wer damit gut klarkommt, proaktiv ist und Verantwortung übernimmt.

Und genau darauf komme es zum Teil sogar mehr an als auf die fachliche Expertise. Es empfiehlt sich daher, sich zunächst noch einmal klarzumachen: «Was ist das Ziel dieser Position, für die ich jetzt hier antrete?»

Damit verbunden sei die Frage: «Was sind die Erwartungen? Und zwar sowohl ausgesprochene als auch implizite Erwartungen - etwa der Führungskraft, des Teams, der Kunden, der Teamleiter», so Kentzler.

Unternehmenskultur richtig analysieren

Wer sich beweisen will, sollte die Unternehmenskultur aufmerksam lesen. «Da geht es um ungeschriebene Gesetze», sagt Julia Siems, Head of People Development bei der Karriereberatung von Rundstedt. Wer die Regeln, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind, einfach ignoriert, könne schnell mal anecken.

«Quick wins»: Schnelle Erfolge sorgen für Sichtbarkeit

Wer sich ein gutes Bild über die Ziele und Erwartungen im Unternehmen gemacht hat, kann sich dem nächsten Schritt widmen. Laut Christine Kentzler geht es nun darum, eine «Roadmap» für die kommenden sechs Monate zu entwerfen: Wie könnte ein Aktionsplan aussehen? Was sind wichtige Meilensteine?

Schlau sei es, sich am Anfang auch Projekte zu suchen, bei denen man in kurzer Zeit mit vergleichsweise wenig Aufwand etwas Sichtbares erreichen kann. Gerade in der Anfangszeit seien «Quick wins» wichtig, um zu zeigen, dass man in seiner Rolle angekommen ist.

Julia Siems rät ebenfalls, sich nicht zu lange darauf zu konzentrieren, nur «Informationen aufzusaugen». In den ersten 30 Tagen im neuen Job bekomme man naturgemäß viel Input. Danach beginne aber eine Phase, in der «man ins operative Tun kommen sollte». Und etwa ab Tag 60 der Probezeit sei es Zeit für erste Ergebnisse, soweit es das Aufgaben- oder Rollenprofil zulässt.

Meinungsmacher kennen - Netzwerk aufbauen

Mit zu den eher informellen Aufgaben in der Probezeit gehört es außerdem, sich ein Netzwerk im Unternehmen aufzubauen. Neuzugänge tun gut daran, sich einen Überblick zu verschaffen, wer welche Rolle im Unternehmen hat, wen sie wirklich kennen müssen und wer zum Beispiel die Meinungsmacher im Team oder der Abteilung sind.

Kentzler empfiehlt, auch bei der Führungskraft oder den Teammitgliedern konkret nachzufragen, in welcher Frequenz Feedbackgespräche erwünscht sind: «Also ganz klar vereinbaren: In welchem Turnus sollen wir uns austauschen?»

Nur damit ist es aber nicht getan: «Feedback, das ich bekomme, muss ich auch reflektieren», sagt Siems. Hilfreich sei daher, sich konkrete Beispiele nennen zu lassen. Und manchmal - wenn zum Beispiel eher wenig Feedback kommt - müsse man phasenweise auch Ungewissheit aushalten können.

Weil es im Homeoffice ungleich schwerer ist, Anschluss zu knüpfen, rät Kentzler, während der Probezeit wann immer möglich vor Ort zu arbeiten. Es gelte, jede Gelegenheit zu nutzen, um «irgendwie ins Schnacken zu kommen» und die Kommunikationsfrequenz grundsätzlich hochzufahren.

Probezeit dient auch Beschäftigten

Nicht zuletzt gilt: Die Probezeit ist auch für Beschäftigte die Gelegenheit, noch einmal zu prüfen, ob sie mit den Unternehmenswerten übereinstimmen - und ob ihr Arbeitsstil zum Arbeitgeber passt.

Das sei zwar im besten Fall schon im Bewerbungsverfahren klar. «Aber sich selbst zu sagen: Hey, die Probezeit ist auch für mich da, um zu gucken, ob ich wirklich dazu passe - das kann für die innere Haltung und fürs Selbstbewusstsein gut sein.»

© dpa-infocom, dpa:220429-99-96127/3


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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