Wie Teilzeit für Väter zur Normalität werden kann

15.06.2020
Viele Väter wünschen sich Zeit für ihre Kinder. In der Realität tun sie sich damit schwer. Nicht einmal die Hälfte geht in Elternzeit, wenige arbeiten in Teilzeit. Wie lässt sich das umkrempeln?
Nur wenige Väter arbeiten in Deutschland in Teilzeit. Viele fürchten einen Karriereknick, wenn sie nach der Elternzeit nicht Vollzeit zurückkehren. Foto: gpointstudio/Westend61/dpa-tmn
Nur wenige Väter arbeiten in Deutschland in Teilzeit. Viele fürchten einen Karriereknick, wenn sie nach der Elternzeit nicht Vollzeit zurückkehren. Foto: gpointstudio/Westend61/dpa-tmn

Berlin (dpa/tmn) - Schnell waren sich Kai Behrens und seine Partnerin einig: Bei ihrem ersten Kind wollen sie die 14 Monate Elternzeit gleichberechtigt aufteilen. «Für mich war der Hauptgrund, dass ich Zeit mit dem Kind verbringen möchte», sagt der 42-Jährige, der in Berlin als Controller bei einer Software-Firma arbeitet.

Nach 20 Jahren im Beruf freue er sich, eine Zeit lang ganz andere, neue Aufgaben zu übernehmen. Außerdem, fügt er hinzu, werde die Auszeit nichts an seiner beruflichen Situation ändern. «Es ist nicht so, dass ich mir damit etwas verbauen würde.» Genau davor aber haben viele Männer Angst.

«Eine berechtigte Sorge», sagt Karin Schwendler. Sie ist Leiterin des Bereichs Frauen- und Gleichstellungspolitik bei der Gewerkschaft Verdi. Elternzeit und Teilzeit seien immer noch «Karrierekiller». Zwar gebe es in vielen Jobs Möglichkeiten, die Arbeitszeit zu reduzieren. Auch zeigten Umfragen, dass mehr Väter in Teilzeit arbeiten möchten. «Trotzdem sind viele Männer noch zögerlich», so die Gewerkschafterin.

Finanzielle Gründe spielen eine Rolle

Zwar steigt die Zahl der Männer, die Elternzeit nehmen - trotzdem sind sie noch in der Minderheit. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) lag der Anteil 2016 bei 37 Prozent. Von den Männern, die 2018 Elterngeld bezogen, taten dies 72 Prozent nur in Höhe des Minimums von zwei Partnermonaten. Vor allem aus finanziellen Gründen würden sich Väter zurückhalten, zeigt eine DIW-Studie von 2019.

Auch in seinem Freundeskreis nehmen die meisten Männer nur die zwei sogenannten «Vätermonate», um die Bezugszeit zu verlängern, erzählt Kai Behrens. Immer noch sei die Idee verbreitet, dass Väter in den ersten Lebensmonaten des Kindes kaum etwas beitragen können. «Aber ich denke, dass Bindung auch zum Vater wichtig ist - gerade in dieser Zeit», so Behrens.

Neben Rollenvorstellungen spielten finanzielle Fragen eine Rolle. Immer noch können viele Familien eher auf das Einkommen der Frauen verzichten. «Meistens haben die Väter das höhere Einkommen», bestätigt Wido Geis-Thöne, Experte für Familienpolitik am Institut der deutschen Wirtschaft. Dass sich Väter Sorgen um die Karriere machen, sei berechtigt, so Geis-Thöne. Aufstiegschancen würden sich in der Regel durch die Elternzeit reduzieren.

Männer arbeiten kaum in Teilzeit

«Man muss fürchten, dass man nicht für voll genommen wird, wenn man nicht mehr rund um die Uhr arbeiten kann», sagt Brigitte Dinkelaker. Sie leitet das Projekt «Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestalten» des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Der Anteil der Väter, die in Teilzeit arbeiten, liege nur bei etwa sechs Prozent.

Oft seien es nicht Vorgesetzte, sondern Kolleginnen und Kollegen, die Probleme mit Teilzeitlösungen oder Elternzeitansprüchen hätten, sagt Geis-Thöne. Denn häufig müssen sie die weggefallene Arbeitsleistung auffangen. In Teams, in denen auch Frauen arbeiten, sei es in der Regel auch für Männer leichter, erklärt er. Dort sei die Erfahrung mit Vereinbarkeitsfragen größer.

Domino-Effekt nutzen

«Wenn die Männer erst mal deutlich machen, was sie wollen und Elternzeit und Elterngeld beantragen, dann entsteht schnell ein Domino-Effekt», sagt Dag Schölper. Er ist Geschäftsführer des Bundesforum Männer, das sich als Interessenverband für eine gleichstellungsorientierte Männerpolitik einsetzt. Sobald immer mehr Männer in Teilzeit arbeiten, werde das irgendwann zur neuen Normalität. Noch aber ist es nicht so weit.

Die Idee des Vaters als Ernährer sei noch immer gesellschaftlich stark verankert, so Schölper. «Nach wie vor ist es nicht wirklich üblich, dass man als Mann Familienverantwortung auch durch Anwesenheit, Fürsorgetätigkeiten und Hausarbeit beweist», erklärt er.

Auch Brigitte Dinkelaker glaubt, dass Rollenvorstellungen eine wichtige Rolle spielen. Familienfreundliche Schichtpläne, flexible Arbeitszeiten, Aufstiegsmöglichkeiten in Teilzeit, geregelte Kinderbetreuung oder auch das Recht auf Rückkehr zur Vollzeitarbeit würden es Männern wie Frauen einfacher machen, Beruf und Familie zu vereinbaren.

© dpa-infocom, dpa:200612-99-404553/2

Institut der Deutschen Wirtschaft

Studie DIW 2019

Frauen und Gleichstellungspolitik verdi

Vereinbarkeit von Familie und Beruf DGB

Bundesforum Männer

Männerberatungsnetz


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Louisa Baron leitet die Marketing-Abteilung im Berliner Kaufhaus Galeries Lafayette - nach ihrer Elternzeit kehrte sie in Teilzeit zurück. Foto: Franziska Gabbert Erfolg und Baby unter einen Hut bringen Elternzeit, Teilzeit, Kind-krank-Tage: All das gilt als schädlich für das Vorankommen im Job. Aber auch Arbeitnehmer mit Karriereambitionen bekommen Kinder. Wie Mütter und Väter trotzdem Verantwortung übernehmen können - und was sie dafür brauchen.
Im Medizinstudium überwiegen Frauen, an den Lehrstühlen der Unis oder in den Chefetagen der Kliniken sind sie aber deutlich weniger vertreten. Foto: Monique Wüstenhagen/dpa-tmn Wie Medizinerinnen Karrierehürden überwinden Inzwischen studieren mehr Frauen als Männer Medizin. Trotzdem landen wenige von ihnen später auf Spitzenpositionen. Was bedeutet das für die Karrierewege von Ärztinnen?
Catherine-Marie Koffnit (l) und Carola Garbe sind ein gemeinsames Führungsduo bei der DB Netz AG. Foto: Jörg Carstensen/dpa/dpa-tmn So klappt Jobsharing in der Praxis Die 40-Stunden-Woche passt immer weniger in die Lebenskonzepte der Menschen. Jobsharing ist ein Modell, um das aufzufangen. Drei Tandems erzählen, worauf es bei Planung und Umsetzung ankommt.
HPE offeriert seinen Angestellten ab sofort eine sechsmonatige Elternzeit bei voller Weiterbezahlung. Foto: Marijan Murat/dpa Wie Firmen mit Zusatzleistungen um Mitarbeiter werben Der Kampf um die besten Kräfte auf dem Arbeitsmarkt wird härter. Immer mehr Unternehmen setzen auf familienfreundliche Zusatzleistungen, um Arbeitnehmer zu gewinnen und zu halten. Eine im Schwabenland ansässige Firma setzt nun ein Ausrufezeichen.