Warum Klischeedenken Frauen-Karrieren am Bau erschwert

28.10.2021
Für eine Ausbildung auf der Baustelle entscheiden sich kaum Frauen. Sind eben klassische Männerjobs, oder? Genau dieses stereotype Denken macht den Wandel zäh. Eine Bau-Unternehmerin will das ändern.
Ob Maschinenführerin oder Baggerfahrerin: Weibliche Auszubildende sind auf der Baustelle immer noch eine Seltenheit. Foto: Sigrid Gombert/Westend61/dpa-tmn
Ob Maschinenführerin oder Baggerfahrerin: Weibliche Auszubildende sind auf der Baustelle immer noch eine Seltenheit. Foto: Sigrid Gombert/Westend61/dpa-tmn

Nürnberg (dpa/tmn) - Drei Frauen. Das war das Ziel von Barbara Hagedorn, die zusammen mit ihrem Mann eines der größten Abbruchunternehmen der Welt leitet. Drei Frauen sollten in ihrer Firma 2021 eine Ausbildung außerhalb der Verwaltung beginnen.

«Teilweise wurden wir dafür belächelt», sagt die Geschäftsführerin der Hagedorn Unternehmensgruppe. Man riet ihr, sich kleinere, realistischere Ziele zu stecken. Tatsächlich haben dann vier statt drei Frauen im August ihre Ausbildung begonnen.

Dennoch: Frauen auf der Baustelle sucht man meistens vergeblich. Mehr als 90 Prozent aller Baggerfahrer sind männlich. Und nicht nur Geräteführer, sondern auch Maurer oder Stahlbauer sind nach wie vor Berufe, die hauptsächlich Männer erlernen. Barbara Hagedorn will das ändern, «mit Klischees aufräumen» und den Fachkräftemangel in der Branche bekämpfen.

Stereotype sind in Köpfen verankert

Denn wer einen Bagger lenken will, braucht vor allem ein geschicktes Händchen: «Bei den modernen Maschinen auf einer Baustelle kommt es viel mehr auf Fingerspitzengefühl als auf Muskelkraft an», sagt Hagedorn.

Doch ist das allen bewusst? «Gerade wenn sich in jungen Jahren Berufswünsche bilden, kommt es stark darauf an, welche Kenntnisse man darüber hat», sagt Brigitte Schels, Professorin für Arbeitsmarktsoziologie.

Noch entscheidender als das Wissen über den Beruf, seien aber oft die Klischees, die in den Köpfen verankert seien, sagt Prof. Schels. «Wir lernen diese Stereotype von Kindheit an.» Geschlecht und Geschlechtstypik gehören der Expertin für Berufswahl und sozialer Ungleichheit am Arbeitsmarkt zufolge zu den ersten Dingen, die Kinder bereits im Alter von etwa acht Jahren wahrnehmen.

Dabei spielt die eigene Erfahrung eine große Rolle: Was sieht man im Fernsehen, was liest man in den Kinderbüchern und wen sieht man, wenn man an einer Baustelle vorbeigeht?

Einflüsse von Eltern, Schule und Unternehmen

Laut Susanne Eikemeier von der Bundesagentur für Arbeit haben sich die zehn beliebtesten Ausbildungsberufe unter jungen Frauen seit Jahren kaum verändert. Kaufmännische Berufe oder eine Ausbildung zur Friseurin seien weiterhin unter den Favoriten.

Die Berufswahl sei allerdings nicht nur von den eigenen Interessen, sondern auch viel vom Feedback im Umfeld abhängig, so Arbeitsmarktsoziologin Prof. Schels. Dazu zählen einerseits die Meinungen von Eltern oder Lehrerinnen und Lehrern. Andererseits auch die Frage, mit was man während der Ausbildungssuche konfrontiert ist und inwiefern Unternehmen auf Frauen zugehen.

Geschäftsführerin Barbara Hagedorn hat die Erfahrung gemacht, dass oft Freunde und Eltern große Zweifel streuen, wenn es um eine Ausbildung auf der Baustelle geht. «Wenn Eltern das erste Mal zu unseren Infoabenden kommen, sind sie oft überrascht zu hören, wie die Ausbildung und die Arbeit in der Praxis tatsächlich aussehen.»

Vorbilder gesucht: Mit dem Radlader auf Instagram

Prof. Schels zufolge brauche aber vor allem mehr Vorbilder für die Ausbildungsberufe im Baugewerbe. «Im Bauingenieurstudium sind Frauen zwar auch in der Minderheit, aber immerhin wahrnehmbar.» Wenn auf einer Baustelle aber im Schnitt weniger als fünf Prozent aller Beschäftigten weiblich sind, fehlt diese Sichtbarkeit.

Zumindest in den sozialen Medien ist das Interesse, wie die Arbeit als Frau auf der Baustelle aussieht, groß: Der Maschinistin Agnes Borchers (@ püppi.at.work) etwa folgen über 90.000 Menschen auf Instagram, der Maurermeisterin Julia Schäfer (@ tschulique) sogar über 180.000.

Es gibt mehrere Tausend Likes für ein Foto, in dem Schäfer lässig grinsend im Reifen eines Radladers sitzt oder ein Video, in dem Borchers Schutt verlädt. Beide Beiträge sind mit dem Hashtag #frauenpower und #frauimhandwerk beziehungsweise #frauambau versehen.

Das ganze Unternehmen muss mitziehen

«Sowohl die Sozialen Medien als auch unsere Kampagne «Frau am Bau» sind kleine Mosaiksteine, mit denen wir ein Netzwerk aufbauen und Veränderung erreichen können», sagt Hagedorn. Aber auch die Unternehmen seien gefordert. Es reiche nicht nur, auf Frauen zuzugehen oder Frauentoiletten bereitzustellen: «Der ganze Betrieb muss mitziehen.»

Damit sich langfristig mehr Frauen für eine Arbeit auf der Baustelle begeistern, ist laut Arbeitsmarktsoziologin Prof. Schels mitunter auch das Klima am Arbeitsplatz entscheidend. Dabei geht es zum Teil um subjektive Wahrnehmung. Aber auch eine weibliche Ansprechpartnerin kann den Einstieg beispielsweise erleichtern.

Am besten ist es, sich vorab zu informieren und ein Praktikum zu machen, rät Prof. Schels. So könne man das Arbeitsklima direkt kennenlernen. Denn neben dem Interesse, etwas Handfestes zu schaffen, sollte man auch Spaß an der Teamarbeit haben, heißt es vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie.

Die vier neuen Auszubildenden bei Hagedorn sind in dem Abbruch- und Bauunternehmen in Gütersloh innerhalb weniger Wochen gut im Team angekommen. «Ich habe ein gutes Gefühl, wenn sie auf der Baustelle unterwegs sind», sagt Hagedorn.

© dpa-infocom, dpa:211027-99-759162/4

Instagram-Profil Agnes Borcher

Instagram-Profil Julia Schäfer

Hagedorn-Kampagne: Frau am Bau


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker bleibt gefragt. Foto: Oliver Berg Ausbildungsreport: Gleiche Lehrberufe bleiben beliebt In Deutschland gibt es mehr als 350 Ausbildungsberufe, doch ein Großteil der Bewerber konzentriert sich auf eine enge Auswahl. Da bleibt manche Berufsperle mit guten Perspektiven unentdeckt.
Muss der Beton viel aushalten, wird er mit Stahl verstärkt: Norman Zlatnik kümmert sich als angehender Betonbauer im Werk seines Ausbildungsbetriebs um Stahlbetonfertigteile. Foto: Firmengruppe Max Bögl/dpa-tmn Wie werde ich Betonbauer/Betonbauerin? Beton wandelt sich zum Hightech-Werkstoff. Den richtigen Umgang damit lernen Beton- und Stahlbetonbauer in ihrer Ausbildung. Dabei dürfen sie auch das Thema Nachhaltigkeit nicht außer Acht lassen.
Leon Blaszyk (19),Auszubildender für Gerüstbau, sorgt dafür, dass Maler oder Fensterreiniger sicher an einer Fassade arbeiten können. Foto: Anne Kathrin Jegen Wie werde ich Gerüstbauer/in? Egal, ob das Einfamilienhaus einen neuen Anstrich braucht oder der Kölner Dom von Taubendreck befreit werden soll: Für die Arbeit an Fassaden braucht es Gerüste. Und die stellen nicht etwa Maler oder Restauratoren selbst auf, sondern ausgebildete Gerüstbauer.
Die erste große Herausforderung gemeistert: Im Rahmen seiner Ausbildung hat Sascha Cuppenbender auch schon allein auf einer Baustelle gearbeitet - mit Erfolg. Foto: Ina Fassbender Wie werde ich Fliesenleger/in? Eintönig ist die Ausbildung zum Fliesen-, Platten- und Mosaikleger nicht. Denn beim Planen und Gestalten von Wand- und Bodenbelägen warten immer neue Herausforderungen auf Azubis. Das ist körperlich oft anstrengend, wird aber vergleichsweise gut bezahlt.