Wann ist es Zeit, das Unternehmen zu verlassen?

15.12.2020
Nicht immer ist ein Jobwechsel freiwillig: Manchmal geht es im Unternehmen wirtschaftlich stetig bergab. Wer nicht mit untergehen will, muss zur richtigen Zeit ins kalte Wasser springen.
Kämpft sich ein Unternehmen seit Jahren durch schlechte Zahlen, müssen Beschäftigte den richtigen Zeitpunkt finden, das sinkende Schiff zu verlassen. Foto: dpa-infografik GmbH/dpa
Kämpft sich ein Unternehmen seit Jahren durch schlechte Zahlen, müssen Beschäftigte den richtigen Zeitpunkt finden, das sinkende Schiff zu verlassen. Foto: dpa-infografik GmbH/dpa

Hamburg/Köln (dpa/tmn) - Einige Unternehmen kämpfen sich seit Jahren durch schlechte Zahlen und düstere Zukunftsprognosen. Andere hat die Corona-Krise ins Wanken gebracht.

Besonders für Beschäftigte, die schon lange an Bord sind, stellt sich dann die Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt, das sinkende Schiff zu verlassen? Und wie stellt man das am besten an?

Zunächst ist es wichtig, überhaupt zu bemerken, dass das Schiff sinkt. Nicht immer wird das von Anfang an offen kommuniziert. Deshalb sollte man wachsam sein, zum Beispiel, wenn Verbesserungsvorschläge und Anregungen von den Vorgesetzten nicht mehr angenommen werden, wie Psychologin und Coach Kristine Qualen erklärt.

«Auch wenn es einen Stilwechsel bei Entscheidungen gibt, kann das ein Anzeichen dafür sein, dass es abwärts geht.» Mitarbeiter werden zum Beispiel weniger an Entscheidungsprozessen beteiligt und weniger darüber informiert. Holt der Arbeitgeber für unangenehme Entscheidungen eine Unternehmensberatung, kann man das ebenfalls als Indiz sehen.

Abwärtstrend: Die Anzeichen richtig lesen

Auch die Stimmung verändert sich oftmals, wenn es abwärts geht, wie Karrierecoach Bernd Slaghuis erklärt. «Es bricht eine gewisse Hektik aus, alle versuchen etwas zu retten und der Druck wird höher.» Sicher kann man sich sein, wenn die ersten Maßnahmen zur Kosteneinsparung wie zum Beispiel Umstrukturierungen durchgeführt werden oder in Jahresmeldungen sogar Verluste Thema sind.

Den einen richtigen Zeitpunkt zum Gehen gibt es natürlich nicht. «Manche bewerben sich bei den ersten Anzeichen weg, um größtmögliche Sicherheit zu haben», weiß Slaghuis. «Manche wollen aber ihren Beitrag zu einer guten Abwicklung leisten und bleiben.»

Was für einen selbst der richtige Weg ist, sollte man sich gut überlegen: Wie viel Sicherheit brauche ich? Wie viel Zeit brauche ich für die Neuorientierung? Manchmal zahle sich Abwarten auch auf andere Weise aus, denn mitunter bekommen die Mitarbeiter eine Abfindung.

Bilanz ziehen: «Hauptsache weg» ist zu wenig

Psychologin Qualen rät, vor dem Absprung Bilanz zu ziehen: Was sind meine persönlichen und professionellen Entwicklungen in dem Unternehmen? Was sind meine Kernkompetenzen? Was wünsche ich mir für meinen künftigen Job? «Solche Überlegungen setzten Energien und Ideen frei und es geht nicht mehr nur darum, wegzukommen.»

Nicht immer kränkelt das gesamte Unternehmen, mitunter sind auch nur Teilbereiche betroffen. Dann ist vielleicht auch die Umorientierung intern eine Möglichkeit, wie Qualen sagt. Das sei ein recht sicherer Weg: «Man kennt sich aus, hat ein Netzwerk und kann sich so informell ins Gespräch bringen.»

Wenn das keine Option ist, sollte man bedenken: «Aus ungekündigter Position heraus bewirbt es sich sehr viel leichter und entspannter, als wenn man Hals über Kopf alles hinschmeißt und nach etwas Neuem sucht», betont Qualen. «Man läuft dann Gefahr, aus Ängsten heraus Kompromisse zu schließen, die wieder in eine Sackgasse führen.»

Raus aus der passiven Untergangsstimmung

Slaghuis rät ebenfalls, aktiv zu werden. «Als Arbeitnehmer sollte man aus der passiven Untergangsstimmung herauskommen und zum Chef des eigenen Lebens werden.»

Wem der Absprung schwer fällt, der sollte sich auch überlegen, woran das liegt: Vielleicht weil man schon lange im Betrieb ist oder weil einem die Kollegen sehr am Herzen liegen. Wichtig sei dann, gut mit dem alten Arbeitgeber abzuschließen, wie Slaghuis erklärt. Manchen sei es in dem Zusammenhang zum Beispiel wichtig, ihr Projekt noch fertigzustellen, letzte Gespräche mit Kollegen und Kolleginnen zu führen oder auch dem oder der Vorgesetzten Feedback zu geben.

Oft stecken auch Ängste dahinter. Das ist ganz normal: «Ängste sind nahezu zwangsläufig mit Umbrüchen verbunden», betont Qualen. In solchen Situationen helfe es, sich klar zu machen, welche Veränderungen man schon gut gemeistert hat. Dem folgt dann oft die Erkenntnis: «Ich kann mich auf meine Fähigkeiten verlassen.»

© dpa-infocom, dpa:201210-99-642984/4


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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