Umsonst Wohnen für Bildung: Studierende helfen Schülern

27.06.2022
Sieben Studierende in Bremerhaven brauchen ihre Bude nicht zu bezahlen. Als Entgelt für ihren WG-Platz leisten die Bildungsbuddys eine wichtige soziale Aufgabe.
In Bremerhaven arbeiten sieben Studierende als Bildungsbuddys und unterstützen Schüler beim Lernen. Dafür dürfen sie in einem Studentenheim mietfrei wohnen. Foto: picture alliance / dpa
In Bremerhaven arbeiten sieben Studierende als Bildungsbuddys und unterstützen Schüler beim Lernen. Dafür dürfen sie in einem Studentenheim mietfrei wohnen. Foto: picture alliance / dpa

Bremerhaven (dpa) - Für manche Studierende mag es wie ein Traum klingen, für Lars Sychla ist es Realität: Er wohnt mietfrei in einer Zweier-WG in einem Bremerhavener Studentenheim.

Es ist ein moderner Neubau in zentraler Lage, mit schnellem Internet und Gemeinschaftsgarten. Als Gegenleistung kümmert sich der Student seit gut zwei Jahren 20 Stunden im Monat um Fünft- bis Siebtklässler an der nahegelegenen Schule am Ernst-Reuter-Platz - als Bildungsbuddy.

Freie Einteilung der Arbeitszeiten

An diesem Tag streicht der 30-Jährige zusammen mit zwei Sechstklässlern das Untergestell eines Bauwagens an, der später einmal auf dem Schulhof stehen soll. «Er könnte als Kiosk, Spieleausgabe oder einfach als Aufenthaltsraum genutzt werden», sagt Sychla. Sieben Bildungsbuddys arbeiten an der Schule, die sich kurz «die Ernst» nennt. Finanziert wird das seit Frühjahr 2020 laufende Projekt Bildungsbuddy über eine örtliche Stiftung. Die Arbeitszeiten könne er sich selbst einteilen, sagt Sychla: «Das ist eine coole Sache.»

Für seinen Master war er von Hannover an die Hochschule Bremerhaven gewechselt, als die Corona-Pandemie anfing. Da kam der Job als Bildungsbuddy gerade recht. «Über die Schule habe ich schnell viele Kontakte bekommen, das hat mir den Start hier erleichtert», sagt er. «Und von den Schülern bin ich cool aufgenommen worden. Sie freuen sich immer, wenn ich komme.»

Oberschule und Studentenwohnheim liegen im Stadtteil Lehe, in dem viele benachteiligte Kinder leben: Es ist nicht nur der bevölkerungsreichste Stadtteil der Seestadt, im Ortsteil Goethestraße ist auch fast jeder dritte Erwerbsfähige arbeitslos. Der Anteil von Kindern aus bildungsfernen Familien ist hoch.

Wichtige Unterstützung für die Schüler

Schule sei für sie daher ein besonders wichtiger Ort, sagt Schulleiterin Nicole Wind. «Wir versuchen hier, ein Stück weit die Hartz-IV-Kette zu durchbrechen und den Schülerinnen und Schülern für sich eine Perspektive in der Arbeitswelt zu geben.»

Projekte außerhalb des Unterrichts wie das Bauwagenprojekt, die Fahrrad- oder die Schmiedewerkstatt hätten einen hohen Stellenwert. «Bei solchen Maßnahmen können die Kinder ihre Talente entdecken», sagt Wind. Die Bildungsbuddys leiten die Kinder in den handwerklichen Projekten an und helfen während des Unterrichts.

Sie sind aber auch da, um mit ihnen einfach eine schöne Zeit zu verbringen: Fahrradfahren, Basketball spielen, in den Zoo gehen, auf dem Deich spazieren gehen, zuhören. «Die Kinder kommen selten aus ihrer Straße raus», sagt Wind. Die Studierenden seien wie größere Brüder oder Schwestern. «Und sie sind Bildungsvorbilder», betont die Schulleiterin. Viele von den betreuten 10- bis 13-Jährigen hätten vorher nicht gewusst, was eine Hochschule überhaupt sei.

Entlastung für Sozialpädagogen

Bildungsbuddy Omar Abdelal ist einmal in der Woche in der 5m. Beim Unterricht sitzt er mit im Klassenzimmer. Wenn jemand Hilfe braucht, kommt er an dessen Platz, erklärt Aufgaben. Wenn jemand unruhig wird, geht er hin und kümmert sich. «Ich habe mich sofort wohlgefühlt in der Klasse, sie hat mich super empfangen», sagt der 23-Jährige, der seit zwei Monaten an der Schule arbeitet.

Natürlich gebe es neben den Lehrkräften auch Sozialpädagogen an der Schule, die für die Kinder da seien. «Aber die sind mit anderen Dingen beschäftigt, sie müssen permanent akute Krisen auffangen», sagt Wind. Die jungen Studierenden könnten zudem einen ganz anderen, unbelasteten Zugang zu den Schülerinnen und Schülern finden.

«Mit ihm haben wir Spaß», sagt die elfjährige Amina Berisa über Bildungsbuddy Omar. «Er bringt uns zum Lachen.» Und die zwölfjährige Elif sagt über die Studierenden: «Man kann schon sagen, dass es Freunde sind.» Und dem 13-jährigen Tyler macht das Bauwagenprojekt solchen Spaß, dass er sich vorstellen kann, später mal als Tischler zu arbeiten.

Vorreiter ist Gesamtschule in Duisburg

Abgeguckt hat sich Schulleiterin Wind die Idee der Bildungsbuddys vom Verein «Tausche Bildung für Wohnen», der seit 2014 unter anderem an der Herbert-Grillo-Gesamtschule in Duisburg-Marxloh Paten einsetzt. Deren Leiter Thomas Zander hatte auf einer Fortbildungsveranstaltung davon erzählt. «Unsere Schüler brauchen Menschen, die ihnen zugewandt sind und ihnen hilfreich zur Seite stehen. Das tun die Bildungspaten», betont Zander.

Seine Bremerhavener Kollegin war sofort begeistert von der Idee, schnell konnte sie auch alle Akteure in Bremerhaven überzeugen: sei es die Städtische Wohnungsgesellschaft, die gerade ein neues Studentenwohnheim in Lehe plante, die Hochschule Bremerhaven oder auch die Stiftung, die den finanziellen Part komplett übernimmt.

Für Sychla ist mit dem Masterabschluss bald seine Zeit als Bildungsbuddy vorbei. Angefangen hatte er mit wenig Erfahrung mit Kindern, inzwischen hat er die Arbeit mit ihnen schätzen gelernt. «Allein, wenn man sieht, dass man anderen Freude bringt, ist das schon toll.» Er überlege, ob er sich nach seinem Master - sollte er in Bremerhaven bleiben - weiter an der Schule ehrenamtlich engagiere, als Lesehilfe zum Beispiel. «Man gibt viel, aber man kriegt von den Kindern auch viel zurück», sagt er.

© dpa-infocom, dpa:220627-99-816059/2

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Verfasser: dpa-infocom GmbH

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