Reizdarmsyndrom erfordert Geduld

23.12.2015
Ein paar Pillen oder Spritzen - und weg sind die Beschwerden: Dieses Prinzip funktioniert nicht bei der Therapie eines Reizdarmsyndroms. Gefragt sind Zeit, Geduld und eine Änderung der Lebensgewohnheiten.
Menschen mit Reizdarmsyndrom haben immer wieder mit Bauschmerzen zu kämpfen. Ein organische Ursache für die Beschwerden wird häufig nicht gefunden. Foto: Monique Wüstenhagen
Menschen mit Reizdarmsyndrom haben immer wieder mit Bauschmerzen zu kämpfen. Ein organische Ursache für die Beschwerden wird häufig nicht gefunden. Foto: Monique Wüstenhagen

Wiesbaden (dpa/tmn) - Diese ständigen Bauchschmerzen, die sich Betroffene nicht erklären können. Die anhaltenden Blähungen - einfach unangenehm. Und der Drang, von jetzt auf gleich die Toilette aufsuchen zu müssen. Wer unter solchen Beschwerden leidet, sollte nicht auf Selbsttherapie setzen.

«Nötig ist eine gründliche Untersuchung des Patienten, um ernsthafte Erkrankungen wie etwa Infektionen oder Darmkrebs auszuschließen», sagt Prof. Richard Raedsch, Chefarzt der Abteilung für Gastroenterologie am St. Josefs-Hospital in Wiesbaden.

Mitunter stoßen Mediziner bei Laboruntersuchungen, Ultraschall oder Darmspiegelungen auf keinen organischen Befund für die Magen-Darm-Beschwerden eines Patienten. «Reizdarmsyndrom», heißt dann in solchen Fällen häufig die Diagnose. «Wirklich gefährlich im Sinne von lebensbedrohlich oder ansteckend ist ein Reizdarmsyndrom nicht», beruhigt der Kölner Apotheker Thomas Preis. Aber die Erkrankung verläuft in aller Regel chronisch.

Nach Angaben von Raedsch leiden 25 bis 30 Prozent der Deutschen an einem Reizdarmsyndrom. Was genau die Ursache dafür ist, ist unklar. «Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass die Psyche eine Rolle spielen könnte», betont Mediziner und Heilpraktiker Thomas Sokollik aus Kreuztal (NRW). Stress, Ärger oder Trauer können sich bis in den Magen-Darm-Trakt bemerkbar machen.

«Auch bestimmte Ernährungsgewohnheiten können bei einem empfindlichen Magen Probleme bereiten», sagt Raedsch. Zumindest zeitweise ein Tagebuch zu führen, kann helfen herauszufinden, ob die Beschwerden auf bestimmte Nahrungsmittel zurückzuführen sind oder nicht.

In einigen Fällen wird Betroffenen auch eine strikte Diät auferlegt: Sie lautet Verzicht auf FODMAP. Das Kürzel steht für Fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole (Zuckeralkohole). Wissenschaftler haben entdeckt, dass FODMAP im Verdauungstrakt Probleme machen können. Bei dieser Diät lässt man für vier bis acht Wochen alle Nahrungsmittel weg, die Fructose, Milchzucker oder Sorbit enthalten. Steinobst, Kohl und Hülsenfrüchte, aber auch Milchprodukte und Süßigkeiten werden also erst einmal vom Speiseplan verbannt.

Nach diesem radikalen Verzicht beginnt eine Art Versuchsphase: Der Patient lotet aus, welche der ausgelassenen Nahrungsmittel in welchen Mengen er doch verträgt. In einem dritten Schritt wird ein individueller Ernährungsplan ermittelt. «Diese Diät sollte aber nur unter ärztlicher Anleitung durchgeführt werden», betont Raedsch.

Ein Reizdarmsyndrom wird man in aller Regel nicht schnell wieder los. Gegen akute Symptome wie Bauchkrämpfe oder Blähungen helfen Schmerzmittel oder krampflösende Arzneien. «In Apotheken sind auch eine Reihe von pflanzlichen Mitteln wie etwa Kümmel, Fenchel oder Anis in Form von Tee erhältlich», erklärt Preis.

Eine Wärmflasche auf dem Bauch kann im Einzelfall ebenfalls helfen, Schmerzen oder Krämpfe zu lindern. Hinzukommen muss oft eine dauerhafte Änderung der Lebensweise. «Das erfordert Zeit und Geduld», betont Sokollik. Entspannungstechniken wie Yoga, Tai Chi oder eine Atemtherapie können dazu beitragen, das aus dem Takt geratene Nervensystem im Verdauungstrakt wieder auszubalancieren. «Wichtig ist, Stress abzubauen und zur Ruhe zu kommen», erklärt Raedsch. Ein Weg kann dorthin kann eventuell eine Psycho- oder Verhaltenstherapie sein: «Welche Therapie die richtige ist, hängt vom Einzelfall ab.»


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Wenn die Nase läuft und der Hals kratzt, suchen viele im Internet nach Tipps und Hausmitteln. Dabei sollte man nicht jeder Information vertrauen. Foto: Silvia Marks Darauf kommt es an: Gesundheits-Infos im Netz Das Internet ist für viele ein selbstverständliches Rechercheinstrument - auch wenn es um die Gesundheit geht. Dagegen ist nichts zu sagen. Doch es sind Vernunft und etwas Skepsis gefragt, damit aus Information nicht Desinformation wird.
Das Dampfen von E-Zigaretten ist zwar weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten zu rauchen. Langzeitfolgen sind aber bisher nicht ausreichend untersucht. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn Light-Zigarette und Heat Stick: Geht Rauchen auch gesünder? Light-Zigaretten, E-Zigaretten und Heat Sticks versprechen weniger gesundheitsschädlich zu sein als herkömmliche Zigaretten. Manche der Produkte schaden tatsächlich etwas weniger als die Tabak-Klassiker. Unbedenklich sind sie Experten zufolge aber ganz und gar nicht.
Das Dampfen von E-Zigaretten ist zwar weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten zu rauchen. Langzeitfolgen sind aber bisher nicht ausreichend untersucht. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn Von Light-Zigarette bis Heat Stick: Geht «gesünder» rauchen? Light-Zigaretten, E-Zigaretten und Heat Sticks versprechen weniger gesundheitsschädlich zu sein als herkömmliche Zigaretten. Manche der Produkte schaden tatsächlich etwas weniger als die Tabak-Klassiker. Unbedenklich sind sie Experten zufolge aber ganz und gar nicht.
Ständiger Spagat: In ihrer Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen muss Lina-Sophie Raabe fachliches und menschliches verbinden. Foto: Markus Scholz/dpa-tmn Wie werde ich Kauffrau/mann im Gesundheitswesen? Sie jonglieren mit Zahlen und Worten, schreiben Rechnungen und beraten Patienten: Kaufleute im Gesundheitswesen sind echte Allrounder. Doch der Spagat zwischen Bürokratie und Mitgefühl kann zur Herausforderung werden.