Putzen statt lernen - Wenn Studenten Arbeit aufschieben

11.04.2016
Morgen, morgen, nur nicht heute: Nach dieser Devise studieren viele. Wird das ständige Aufschieben zu einem ernsthaften Problem, braucht es die Bereitschaft zur Veränderung und eine feste Struktur.
Wer Dinge ständig aufschiebt, lässt den Berg an Arbeit stetig ansteigen - und damit steigt oft auch der Frust. Foto: Andrea Warnecke
Wer Dinge ständig aufschiebt, lässt den Berg an Arbeit stetig ansteigen - und damit steigt oft auch der Frust. Foto: Andrea Warnecke

Heidelberg (dpa/tmn) - Markus Bittmann kennt dieses Gefühl. Der Sinn einer Aufgabe erschließt sich einfach nicht, Motivation und Antrieb fehlen. Statt sie zu erledigen, schiebt er sie lieber auf.

Jedes Mal, wenn er die Aufgabe unterdrückt und vertagt, wird er frustrierter. Wenn die Deadline näher gerückt ist, fragt sich der Student aus Heidelberg: «Warum hast du nicht mal früher angefangen?»

Prokrastination nennt sich dieses Verhalten im Fachjargon, wenn wichtige Aufgaben nicht zeitnah bearbeitet, sondern auf einen späteren Zeitpunkt geschoben werden. Oft suchen sich Betroffene lieber eine andere stressfreie Beschäftigung und schaffen sich damit eine Entschuldigung.

Nach Angaben von Hans-Werner Rückert, Leiter der Psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin, zeigen etwa 70 bis 90 Prozent der Studierenden dieses Verhalten. Das selbstbestimmte Lernen verleite viele Studenten zum Aufschieben. Doch wodurch wird es überhaupt ausgelöst?

Es können unklare Prioritäten sein, eine schlechte Planung, oder dass man gar nicht weiß, wie man überhaupt anfangen soll, erläutert Rückert. Andere Menschen prokrastinieren, weil sie Versagensängste haben. «Vor allem besonders langwierige, umfangreiche Aufgaben wie Bachelor- und Masterarbeit werden von Studenten oft aufgeschoben», sagt Margarita Engberding.

Die Psychotherapeutin arbeitet bei der Prokrastinationsambulanz der Universität Münster. Wer herausfinden möchte, ob er ein Aufschieber ist, kann im Internet den anonymen Selbsttest der Prokrastinationsambulanz Münster machen.

Markus Bittmann studierte zuerst Informatik, dann drei Jahre Chemie. Nach dem ersten Semester Chemie wechselte er von Stuttgart nach Heidelberg. Mit ein paar Monaten Leerlauf begann ein Teufelskreis. «Besonders in den Fächern, in denen ich nicht gut war, habe ich sehr schnell begonnen, Ausreden zu erfinden, statt für die Klausur zu lernen», sagt der heute 26-Jährige. Erst hat er sich Kaffee gemacht, dann musste er einkaufen und dann noch schnell einen Freund treffen. Ruckzuck war der Tag um und nichts geschafft.

Wer seinen inneren Schweinehund überwinden will, sollte sich im Klaren sein, dass er kurzfristig Unangenehmes in Kauf nehmen muss, um übergeordnete Ziele zu erreichen, sagt Rückert. Dazu gehört etwa, für eine Klausur mehrere Tage oder Wochen zu lernen und in dieser Zeit seine Freizeit einzuschränken. 

Das gelingt leichter, wenn Studenten nach einem festen Zeitplan arbeiten und jeden Tag zur selben Uhrzeit beginnen. «Man sollte sich etwa zehn bis 15 Minuten vorher Zeit nehmen, um sich innerlich auf seine Aufgabe einzustellen», rät Margarita Engberding. In dieser Zeit können Studierende ihren Arbeitsplatz herrichten und Gegenstände, die sie ablenken, wegräumen. 

Hans-Werner Rückert gibt den Tipp, große Aufgaben in kleine Schritte zu zerlegen und diese kleinen Schritte auch zu notieren. Generell nehmen sich viele Menschen zu viele Aufgaben am Tag vor. Hilfreich ist dann die 50-Prozent-Regel. Betroffene sollten sich fragen: Wie viel will ich schaffen? Wer davon eine Vorstellung entwickelt hat, sollte den Umfang noch einmal um die Hälfte reduzieren, sagt Engberding. Erst dann sei die Planung in der Regel realistisch.

Markus Bittmann ist aus dem ständigen Aufschieben allein nicht mehr herausgekommen. Eines Tages brach er unter dem Druck und der Frustration zusammen. «Das Wichtigste war, dass ich es mir selbst eingestanden habe», sagt er.

«Es konnte so nicht mehr weiter gehen». Mit Hilfe der psychologischen Beratung seiner Universität veränderte er seinen Arbeitsstil. Zum Beispiel belohnt er sich heute systematisch, wenn er produktiv ist. «Ich arbeite 45 Minuten, und dann mache ich 15 Minuten etwas anderes», sagt er. Außerdem hat er sein Lernumfeld geändert. «Zu Hause war ich zu abgelenkt, in einer Ecke in der Uni-Bibliothek kann ich mich viel besser konzentrieren», erklärt Bittmann. 

In der Prokrastinationsambulanz Münster ist das erfolgreichste Behandlungsprogramm das der Arbeitszeitreduktion. «Hier haben Studenten nur zwei vereinbarte Zeitfenster am Tag, um zu arbeiten. Wenn Sie die verpassen, müssen Sie bis zum nächsten Tag abwarten», erklärt Engberding.

Heute studiert Markus Bittmann im fünften Semester Geografie. «So viel Spaß hatte ich noch nie beim Studieren», sagt er. Manchmal merkt er dennoch, dass er aufschieben will. Dann erinnert er sich, was er gelernt hat - und fängt einfach an.  


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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