Plädoyer für mehr Schmerzexperten in der Pflege

10.10.2019
Schmerzen gehören zum Krankenhausaufenthalt dazu - oder? Eigentlich sollen pflegerische Schmerzexperten dafür sorgen, dass Patienten möglichst wenig leiden. Doch sie sind noch viel zu wenig im Einsatz.
Eine Pflegerin cremt den Rücken einer alten Dame mit Schmerzgel ein. Foto: Jana Bauch/dpa
Eine Pflegerin cremt den Rücken einer alten Dame mit Schmerzgel ein. Foto: Jana Bauch/dpa

Mannheim (dpa) - Noch immer leiden viele Menschen in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Hospizen an starken Schmerzen.

«Stellen Sie sich vor, Sie liegen mit Schmerzen im Bett und keiner kümmert sich darum», sagte Nadja Nestler von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg der Deutschen Presse-Agentur im Mannheim. Das passiere noch allzu oft in deutschen Kliniken. Jeder zweite Operierte leide unter unnötig starken Schmerzen.

Der verstärkte Einsatz pflegerischer Schmerzexperten könne nach Meinung der Expertin vom Institut für Pflegewissenschaft und -praxis Abhilfe schaffen.

Schmerzkongress

Das Thema steht auch auf der Tagesordnung des viertägigen Deutschen Schmerzkongresses, der noch bis Samstag in Mannheim stattfindet. Rund 2000 Teilnehmer werden erwartet - Mediziner, Psychologen, Pflegende und Apotheker. Weitere Themen bei Symposien und Workshops sind Telemedizin, E-Health und Schmerzregister.

Nestler betonte, die für Erfassung von Schmerzen und deren Behandlung ausgebildeten pflegerischen Schmerzexperten müssten eine deutlich größere Rolle spielen. «Es gibt Kliniken, die Schmerzmanagement gar nicht interessiert.» Dabei sei das gerade angesichts einer wachsenden Zahl von chronisch Kranken von Bedeutung, die Schmerzen in die Klinik mitbringen. Auch Demenzkranke, die ihre Schmerzen nicht mehr mitteilen könnten, stellten Kliniken und Pflegeheime vor neue Hauerausforderungen, die Schmerz-Experten bewältigen könnten. Die dünne Personaldecke verführe dazu, die Kompetenz der bundesweit etwa 20.000 pflegerischen Schmerzexperten gar nicht abzurufen.

Das Aufganenfeld von «pain nurses»

Und so sieht das Aufgabenfeld der im englischen Fachjargon auch «pain nurses» genannten Pflegenden aus: Sie erfassen die Schmerzen eines Patienten auf einer Skala von null bis zehn, fragen nach Medikamenten und empfehlen wenn nötig zusätzliche. Sie schauen, dass die Patienten im Bett gut gelagert sind, dass sie - wenn gewünscht - Ablenkung erhalten, und sie thematisieren mögliche Unterstützung durch Freunde und Familie. Über allem steht, die Angst vor Schmerzen zu nehmen, unter anderem durch Information und Beteiligung der Patienten. «Unser Ziel ist, dass die Kranken sich mit ihren Schmerzen aufgehoben und wahrgenommen fühlen und wir ihren Schmerz lindern können», sagt Ruth Boche, Sprecherin der Expertengruppe Pflegeexperten Schmerz vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe.

Dafür müssten den Experten von ihrem Arbeitgeber ein Zeitrahmen für festgelegte Aufgaben gewährt werden. Nebenbei lasse sich die Behandlung von Schmerzen nicht erledigen, sagte Boche, Pflegeexpertin am Uni-Klinikum in Münster. Krankenhäuser könnten ein gutes Schmerzmanagement auch für ihre Werbung nutzen, eine bessere Heilung erreichen und dadurch die Verweildauer reduzieren. Auch bei der Entlassung müssten die Patienten erfahren, welche Schmerzmittel sie wann einnehmen müssen, welche Bewegungen sie meiden und wie sie selbst zum Genesungsprozess beitragen können.

Pflegewissenschaftlerin Nestler plädierte auch für die Akademisierung der Tätigkeiten, so dass die Kooperation mit den Ärzten reibungsloser verlaufe. Deutschland hinke Ländern wie Österreich, Großbritannien, den Benelux-Ländern und Skandinavien hinterher. Pflegerische Schmerzexperten absolvieren in Deutschland derzeit eine Fortbildung von 42 Stunden.

Kongress-Infos


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Nachtarbeit stört den Tag-Nacht-Rhythmus. Das könnte laut Experten zu einem erhöhten Krebsrisiko führen. Foto: Lino Mirgeler Kann Nachtarbeit zu Krebs führen? Wer in Schichten arbeitet, lebt gegen die innere Uhr - das kann zu gesundheitlichen Risiken führen. Vor allem Nachtschichten könnten das Risiko für Krebs erhöhen, glauben Experten.
Müssen Patienten zu lange in der Praxis warten, wächst die Unzufriedenheit. Mehr Transparenz könnte für Verständnis sorgen. Foto: Daniel Karmann Hocken wir wirklich zu lange beim Arzt? Wartezimmer - das klingt nach Langeweile. Wenn man mit Fieber und Kopfschmerz wieder nach Hause will, nervt das Zeitabsitzen. Und angeblich kommen Privatpatienten schneller dran als gesetzlich Versicherte! Doch klagen wir da auf hohem Niveau?
Für einige Master-Studiengänge ist die Berwerbungsfrist noch nicht abgelaufen. Interessierte haben noch die Chance sich auf einen Platz zu bewerben. Foto: Jens Kalaene/dpa Neue Studiengänge: Von Nachhaltigkeit und Border Studies Der Countdown läuft: Die Bewerbungsfristen für einige Masterstudiengänge enden bald. Angehende Studenten haben bis Mitte Juli noch eine breite Auswahl an neuen Masterstudiengängen. Von Geisteswissenschaften bis hin zu Forstwirtschaft sind spannende Fächer dabei.
Ethiker halten es für fair, wenn Blutspender für ihren Aufwand finanziell entschädigt werden. Foto: David Ebener Kann Geld zur Blutspende bewegen? Nur etwa drei Prozent der Menschen in Deutschland spenden Blut, viele von ihnen unentgeltlich. Dabei könnten es deutlich mehr sein. Wäre eine angemessene finanzielle Entschädigung die Lösung? Aus Sicht eines Medizinethikers wäre es zumindest einen Versuch wert.