Nur wenige Männer arbeiten in Kitas und Tagespflege

21.01.2019
In Kitas und Tagespflege arbeiten noch immer kaum Männer. Seit Jahren wird um sie geworben - doch die Geschlechterklischees sind hartnäckig. Warum männliche Erzieher gebraucht werden? Ein Besuch bei den Rumpelwichten.
Erzieher Fabian Salin sieht gern dabei zu, wie sich seine Schützlinge entwickeln. Er gehört zu den wenigen Männern, die sich für einen Job in der Kita entschieden haben. Foto: Bernd Thissen
Erzieher Fabian Salin sieht gern dabei zu, wie sich seine Schützlinge entwickeln. Er gehört zu den wenigen Männern, die sich für einen Job in der Kita entschieden haben. Foto: Bernd Thissen

Dortmund (dpa) - Wenn Fabian Salin bei der Arbeit ist, kann er auch mal zum Löwen, Einhorn oder Zoodirektor werden. Jungs und Mädchen im Dortmunder Kindergarten Rumpelwichte bauen begeistert Tiergehege aus Schaumstoffkissen. Dann singen alle zusammen.

Erzieher Salin begleitet an der Gitarre, die Drei- und Vierjährigen sind mit Rasseln und Trommeln ausgerüstet. Es wird gekichert und getanzt. Alltag für Fabian Salin. Aber nicht alltäglich. Auch im Jahr 2019 noch nicht. Denn Männer in Kitas bleiben selten - trotz aller Programme von Bund und Ländern.

Die Zahlen: Knapp 36.000 männliche Erzieher gab es 2018 bundesweit in den Kitas, ein Anteil von gut 6 Prozent. Als Tagesväter sind aktuell 1600 Männer tätig, das entspricht laut Statistischem Bundesamt einer Quote von 3,8 Prozent in der gesamten Tagespflege.

Seit Jahren lautet die Mission: Mehr Männer in die Kitas. Nicht nur, weil man sie wegen des Fachkräftemangels brauche, erklärt ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums. «Kinder in Kindertageseinrichtungen, in denen nur Frauen beschäftigt sind, nehmen wahr und lernen, dass Erziehung, Betreuung und Bildung - also alles, was «sich kümmern» bedeutet - Frauenarbeit ist.» Geschlechterklischees sollten nicht weitergetragen werden. Botschaft: Erziehung ist auch Männersache.

Doch die Vorstellung, dass Kinderbetreuung in Frauen-Hand gehöre, hält sich hartnäckig. Salin kennt das: «Wenn ich erzähle, dass ich Erzieher bin, höre ich oft: Was hat dich denn geritten?» Dabei sei der Beruf bereichernd. «Die Kinder kommen mit Bildungsinteresse, mit Stärken und Schwächen, die es zu entdecken und fördern gilt», erzählt der 26-Jährige. «Sie lernen gerne. Es ist eine Freude zu sehen, wie sie sich entwickeln.»

Und warum sollte es mehr männliche Kollegen geben? «Als Vorbilder, fürs Rollenverständnis, zur Identifikation.» Besonders wichtig, weil auch schon die Kleinsten oft ganztägig außerhalb betreut werden. Und: Noch immer sind es meistens die Väter, die in Vollzeit arbeiten und kaum zuhause sind. Umso mehr brauche es in Kita und Tagespflege männliche Ansprechpartner und Bezugspersonen.

Was machen Männer anders? «Es liegt manchmal allein an der Körperkraft, dass wir bestimmte Dinge übernehmen wie Zelte aufbauen oder Kinder hochheben», schildert Salin. Aber: «Ich möchte mich distanzieren von Stereotypen wie: Fußball und Werkbank macht der Erzieher. Singen, Wickeln und Vorlesen ist Sache der Erzieherin.»

Die Männer beißen nicht so recht an, trotz aller Werbung für den Job. Ein Grund auch: «Die Bezahlung ist vergleichsweise unattraktiv», wie Bildungsexpertin Kathrin Bock-Famulla von der Bertelsmann Stiftung erläutert. Zudem gebe es kaum Aufstiegsoptionen. Und mitunter bestehen Vorbehalte gegen männliche Erzieher, auch nach Berichten über Missbrauchsfälle. Salin erzählt, dass manche männliche Kollegen Angst hätten, dass ihnen Situationen falsch ausgelegt werden könnten - etwa im Umgang mit einem Kind, dass sich beim Spielen die Windel runterziehe und mit blankem Popo dastehe.

Der Erzieher bedauert, dass eine große Trendwende noch nicht in Sicht ist. «Man hat versucht, den Beruf aufzuwerten, zu akademisieren, aber das ist gescheitert - sehr schade, weil die Kita Bildungsort ist.» Er studiert zusätzlich Elementarpädagogik, wird bald Kindheitspädagoge sein. «Erzieher werden nicht angemessen bezahlt. Und Stellen für studierte Pädagogen würden für die Kitas aus finanziellen Gründen gar nicht erst ausgeschrieben, sagt der 26-Jährige. «Auch meine persönliche Berufsperspektive ist da sehr traurig. Ich träume von eigenen Kindern und einem Haus, aber das geht nicht mit einem Erzieher-Gehalt.»


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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