Muss ich im Job immer 100 Prozent geben?

08.03.2021
So viel wie möglich schaffen, so gut wie es geht und am besten auch noch schnell: So sieht der Joballtag vieler Menschen aus. Aber dürfen wir es nicht auch mal ruhiger angehen lassen?
Im Sprint zum nächsten Projektbeginn? Berufstätige müssen im Arbeitsalltag nicht immer an ihre Leistunsgrenze gehen. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn
Im Sprint zum nächsten Projektbeginn? Berufstätige müssen im Arbeitsalltag nicht immer an ihre Leistunsgrenze gehen. Foto: Alexander Heinl/dpa-tmn

Köln/Hamburg (dpa/tmn) - Viele Berufstätige eine Art Dauersprint: Ständig geben sie ihr Bestes, arbeiten an ihrer Leistungsgrenze. Muss das sein? Oder kann man auch mal einen Gang runterschalten?

Betrachtet man die Frage aus rechtlicher Sicht, gilt: Der Arbeitnehmer verwertet seine Arbeitskraft und die muss er so gut er kann einsetzen, wie Nathalie Oberthür, Fachanwältin für Arbeitsrecht erklärt. «Seine Arbeit muss zwar nicht objektiv gut sein, aber er muss sich subjektiv anstrengen.»

Schlechter Tag rechtfertigt keine rechtlichen Folgen

Theoretisch können Vorgesetzte Mitarbeitende, die sich dauerhaft nicht anstrengen, obwohl sie könnten, verhaltensbedingt kündigen. Das ist in der Praxis in vielen Jobs natürlich schwer messbar und noch schwerer nachweisbar.

Hat jemand mal einen schlechten Tag oder auch eine Woche, in der er oder sie weniger leistet, gebe es keine rechtliche Handhabe, sagt Oberthür. «So etwas lässt sich meist nur über Führungsmethoden wie zum Beispiel mehr Unterstützung lösen.»

Coach und Autor Jochen Mai hält es in Sachen Führung für wichtig, Mitarbeiter für Leistung zu belohnen, damit sich Produktivität auszahlt. «Beschäftigt aussehen und anwesend sein, das ist für viele Chefs immer noch ein Indikator für Leistung.»

Der mögliche Effekt: Wer nach fünf Stunden mit seiner Arbeit für den Tag eigentlich fertig ist, tut so, als hätte er noch zu tun. Denn sonst, so erklärt Mai, bekomme er wahrscheinlich eine neue Aufgabe - eher Strafe als Belohnung.

Arbeitszeit neu definieren

Mai, der auch Gründer der Plattform Karrierebibel ist, plädiert dafür, Ziele samt einer realistischen Deadline statt feste Arbeitszeiten vorzugeben. «Und wer die Arbeit nach sechs statt acht Stunden fertig hat, der kann Feierabend machen.»

Will jemand seine beruflichen Sprints allerdings eigenmächtig, ohne dass dies im Vertrag steht, über die Arbeitszeit ausgleichen, dann kann das ein Problem werden, warnt Nathalie Oberthür. Wer ohne Rücksprache weniger arbeitet als vertraglich geregelt ist, dem könne im Einzelfall sogar gekündigt werden - auch wenn man vorher Überstunden gemacht hat, die nicht erfasst wurden.

Lockere Tage für Fleißaufgaben nutzen

Leistung lässt sich aber auch auf die Art der Arbeit, anstatt auf die Arbeitszeit beziehen. So sieht es Psychologin und Coachin Kristine Qualen: «Man darf sich ruhig mal lockere Tage gönnen.» Manchmal sei es nicht möglich, zum Beispiel komplexe Aufgaben anzugehen.

Stattdessen könne man sich an solchen Tagen Fleißaufgaben widmen: Ablage, Daten bereinigen, Kleinkram erledigen. «All die Dinge, die irgendwann mal gemacht werden müssen, kann man in solchen Phasen hervorholen», sagt Qualen. «Ob man nun einen großen Brocken oder viele kleine Dinge erledigt - beides ist eine Leistung.»

Ein Leistungslevel im Team finden

Wer merkt, dass die Kolleginnen und Kollegen leistungsstärker und schneller sind, sollte Gespräche führen, rät Jochen Mai. Man kann im Team fragen, was die anderen anders machen. Manchmal liege es an der Selbstorganisation. «Zum Beispiel, wenn jemand sein technisches Equipment nicht beherrscht», sagt der Karriere-Experte. Es lohne sich, in sich selbst zu investieren. «Es hilft, den Job besser zu machen und man steigert seinen Marktwert.»

Auch den umgekehrten Fall kann es geben: Man selbst leistet am meisten und schafft seine Arbeit schneller als die Kolleginnen und Kollegen. Dann könne man anderen helfen - ohne sich ausnutzen zu lassen. «Für solche Leute ist es wichtig, nein sagen zu lernen.»

Nicht immer offensichtlich: Anstrengung sichtbar machen

Qualen weist noch auf ein anderes Problem im Zusammenhang mit Leistung und Druck hin. Und zwar auf mögliche Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdbild. «Wer etwas tut, wozu er sich zum Beispiel überwinden muss, der strengt sich sehr an», erklärt Qualen. «Das geht aber nicht Hand in Hand mit einem messbar guten Ergebnis oder damit, dass andere die Anstrengung sehen und würdigen.»

Das könne sehr enttäuschend sein. In solchen Fällen sollte man versuchen, eher Aufgaben zu übernehmen, die einem leichter von der Hand gehen oder Wege zu finden, leistungsfähiger zu werden.

© dpa-infocom, dpa:210305-99-705967/3

Webseite Kristine Qualen

Profil Nathalie Oberthür

Karrierebibel: Jochen Mai


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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