Mensa-Speiseplan mit Spezial-Hähnchen - Projekt zum Tierwohl

22.01.2016
Bilder von zusammengepferchten Hühnern und Puten in Massenställen haben vielen Menschen die Lust auf Geflügel verdorben. Die Tierärztliche Hochschule Hannover hat jetzt ein Projekt für mehr Tierwohl auf dem Hühnerhof gestartet.
Mittagspause in der Mensa Caballus der Tierärztlichen Hochschule Hannover: Die Gäste werden anschließend zu ihren Eindrücken vom Zweinutzungshuhn befragt. Foto: Holger Hollemann
Mittagspause in der Mensa Caballus der Tierärztlichen Hochschule Hannover: Die Gäste werden anschließend zu ihren Eindrücken vom Zweinutzungshuhn befragt. Foto: Holger Hollemann

Hannover (dpa) - Die Tierärztliche Hochschule Hannover will das jährliche Schreddern von Millionen männlicher Küken verhindern. Im Mittelpunkt ihres großangelegten Projektes steht das sogenannte Zweinutzungshuhn.

Bei dieser Zuchtlinie können die weiblichen Tiere als Legehennen und die männlichen für die Fleischproduktion genutzt werden, wie es vor der Industrialisierung der Tierhaltung üblich war.

Seit rund 50 Jahren gibt es in der Legehennen-Zucht für männliche Küken keine Verwendung, jährlich werden 45 Millionen von ihnen kurz nach dem Schlüpfen geschreddert. Bis 2017 soll dies nach dem Willen der Bundesregierung ein Ende haben.

Bei dem Projekt in Hannover vergleichen die Wissenschaftler auf ihrem Lehr- und Forschungsgut das Zweinutzungshuhn mit einer herkömmlichen Zuchtlinie. Das Bund fördert das Projekt der Tiho und ihrer Partner mit 1,8 Millionen Euro.

Bislang werden Hühner entweder dafür gezüchtet, besonders viele Eier zu legen oder viel Fleisch anzusetzen. «Bei Hühnern, die für die Eiererzeugung gezüchtet wurden, haben die männlichen Tiere keinen direkten Nutzen für den Verbraucher, da sie weder Eier legen können noch ausreichend Fleisch ansetzen», erklärt TiHo-Präsident Gerhard Greif. «Darum werden sie kurz nach dem Schlupf getötet und als Tierfutter eingesetzt.»

Die Forscher hoffen unter anderem, dass die langsamer wachsenden Dual-Hühner bessere Abwehrkräfte haben und so weniger anfällig für Krankheiten sind. Tierschützer protestieren seit langem gegen Antibiotika in der Mast. In dem Projekt werden den Tieren zudem nicht die Schnäbel gekürzt, wie es bei Legehennen üblich ist, um Kannibalismus zu verhindern.

«Wichtig ist es, Feedback von den Verbrauchern zu bekommen», sagte Projektleiterin Silke Rautenschlein am Donnerstag. Deshalb haben die Forscher das Studentenwerk Hannover mit ins Boot geholt. Neun Mensen der niedersächsischen Landeshauptstadt bieten in den nächsten Wochen Brathähnchen vom Forschungsgut an. Die Mensagäste werden anschließend zu ihren Eindrücken befragt.

In der konventionellen Mast werden die Hühner nach etwa 33 Tagen geschlachtet, die ersten Dual-Hühner hatten 75 Tage zum Wachsen. So wiegt auch das halbe Brathähnchen stolze 800 Gramm, bei einem Fleischanteil von 51 Prozent, während der übliche halbe Hahn 450 bis 500 Gramm auf die Waage bringt, allerdings bei 65 Prozent Fleischanteil. «Es ist ein ganz exklusives Tier. Ich sehe seine Zukunft eher als Brathuhn für die ganze Familie, nicht unbedingt in einer Kantine», sagte der Leiter des Forschungsguts Ruthe, Christian Sürie.

Für die Geflügelwirtschaft scheint das Zweinutzungshuhn auf den ersten Blick wenig attraktiv, da die Hennen weniger und kleinere Eier legen und die Hähne länger gemästet werden müssen. Die Forscher wollen jetzt prüfen, ob die Verbraucher bereit sind, für mehr Tierwohl auch höhere Preise zu zahlen. Eine ähnliche Initiative mit dem Titel « Bruderhahn» gibt es bereits in der ökologischen Landwirtschaft.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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