Mehr Leistung und Wohlgefühl: Was kann das Faszientraining?

23.12.2015
Das faserige Bindegewebe, die Faszien, rücken in der Fitnessszene immer mehr in den Blickpunkt. Das Faszientraining soll Schmerzen lindern und die Leistung steigern. Kritiker warnen aber vor zu hohen Erwartungen.
Für mehr Wohlgefühl und Leistung: Faszientraining kann andere Trainingsprinzipien ergänzen. Foto: www.fascial-fitness.de/Mira Hampel
Für mehr Wohlgefühl und Leistung: Faszientraining kann andere Trainingsprinzipien ergänzen. Foto: www.fascial-fitness.de/Mira Hampel

Günzburg (dpa/tmn) - Wenn Werner Klingler Vorträge über Faszien, das faserige Bindegewebe des Körpers, hält, zeigt er gerne ein Video über die Arbeiterinnen der Luo- und Kikuyu-Stämme. Die Ostafrikanerinnen sind dabei zu sehen, wie sie schwere Lasten auf dem Kopf tragen.

«Untersuchungen haben herausgefunden, dass sie das ohne großen zusätzlichen Kraftaufwand tun», sagt der Facharzt für Anästhesie und Physiologie an der Neurochirurgischen Universitätsklinik Ulm-Günzburg. Das und der auffallend schwingende Gang der Afrikanerinnen habe viel mit der großen Rückenfaszie zu tun.

«Faszien haben intelligente mechanische Funktionen», sagt Klingler. «Sie fungieren als Regulator der Kraftübertragung und als elastische Energiespeicher.» Das Bindegewebe umschließt nicht nur alle Muskeln, sondern auch Organe oder Gelenke und durchdringt den ganzen Körper wie ein Netzwerk. Es braucht aber Bewegung. Ohne sie geht seine Stärke, Elastizität und Gleitfähigkeit zurück. Dann kann es zu schmerzhaften Verklebungen oder Verwachsungen kommen.

Das Faszientraining beruht auf den vier Prinzipien: Hüpfen, Dehnen, Körperwahrnehmung und dem Lösen mit Hilfe der als «Black Roll» bekannten Faszienrolle, wie Sybille Hofbauer, zertifizierte Faszientrainerin aus dem schwäbischen Frickenhausen, erklärt. Das Training diene einem Wohlgefühl im eigenen Körper, Sportler könnten es aber auch einsetzen, um ihre Leistung zu steigern oder Verletzungen vorzubeugen. Zudem helfe es bei Schmerzen im Bewegungsapparat, dem sogenannten myofaszialen Schmerzsyndrom.

Besonders durch die Faszienrolle, eine Schaumstoffrolle mit verschiedenen Härtegraden, ist das Training bekanntgeworden. Durch das Rollen über die Faszien des Körpers würden sich oberflächliche Verklebungen lösen und die vielen Sensoren im Bindegewebe aktiviert, sagt Hofbauer. Häufig sei die Anwendung am Anfang schmerzhaft, das ändere sich jedoch bald. Die Dehnübungen wiederum unterscheiden sich laut Hofbauer vom klassischen Stretching dadurch, dass man mit dem Körper leicht federt.

Prof. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln ist zwar ein Freund des Faszientrainings. Ihn stört aber, dass damit häufig nur ein Bereich des Organismus betont wird. «Das kann nicht funktionieren.» Er plädiert dafür, Faszienübungen in andere Programme einzubauen - genau das machen viele Sportler auch. «Es ist gut als ergänzende Maßnahme, wenn es professionell begleitet wird.»

Mit Blick auf die Rolle mahnt er, nicht alle Gelenkschmerzen oder Verspannungen hätten ihre Ursache in verklebtem Bindegewebe. Daher sei es sinnvoll, zunächst einen Arzt aufzusuchen, um Verletzungen oder einen orthopädischen Schaden auszuschließen.

Auch kritisiert er die Auffassung, Faszientraining könne eine Art Jungbrunnen und ein Wundermittel gegen Cellulite sein. Übungen mit der «Black Roll» könnten allerdings die Wachstumsrichtung und die Stabilität der Fasern sowie die Versorgung der Zellen mit Nährstoffen verbessern. Begleitet von einem Muskeltraining könne man die Cellulite zumindest etwas vermindern.

Von einem Wundermittel spricht Klingler ebenfalls nicht. So hätten etwa die Luo- und Kikuyu-Frauen auch starke Rückenmuskeln, erklärt er. «Es geht immer einher, Faszien und Muskeln bilden eine Einheit.» Hofbauer kombiniert die Übungen daher gerne mit Pilates. «Das Faszientraining möchte kein anderes Trainingsprinzip verdrängen. Es ist einfach ein ergänzender Baustein.»


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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