Kleinwüchsige haben bei Jobsuche Probleme

08.02.2016
Weil Personaler großen Menschen unterbewusst mehr zutrauten, bekämen kleinwüchsige Menschen keinen Job, sagt der Vorsitzende eines Selbsthilfeverbandes in Baden-Württemberg. Er fordert: Das muss sich ändern. Manch einer findet aber auch über Umwege seine Berufung.
Hatte das Gefühl, dass die Menschen in der Tattoo-Szene toleranter sind: der kleinwünchsige Tätowierer Dennis Weber. Foto: Patrick Seeger
Hatte das Gefühl, dass die Menschen in der Tattoo-Szene toleranter sind: der kleinwünchsige Tätowierer Dennis Weber. Foto: Patrick Seeger

Lörrach (dpa) - Ein Gen bestimmt Dennis Webers Leben. Nach seinem Realschulabschluss schrieb der junge Mann aus Lörrach viele Bewerbungen - für Zahntechnik, Mediengestaltung, als technischer Zeichner, aber auch für kaufmännische Berufe. Ohne Erfolg.

Entweder es hagelte Absagen oder er wurde nur aus Mitleid oder wegen einer Quote eingeladen, vermutet Weber. Denn der 26-Jährige ist nur 1,20 groß; seine Kleinwüchsigkeit ist durch ein Gen ausgelöst worden.

Rund die Hälfte der Mitglieder eines Selbsthilfeverbands für Kleinwüchsige in Baden-Württemberg arbeitet nicht im Wunsch-Beruf, schätzt der Vorsitzende Bernhard Mohr. «Natürlich können Kleinwüchsige nicht auf dem Bau arbeiten oder besonders schwere körperliche Arbeiten verrichten», sagt er. Aber oft spielten bei der Bewerberauswahl nicht nur objektive Kriterien eine Rolle. «Großen Menschen traut man mehr zu: Sie sind intelligenter, belastbarer und leisten mehr. Zumindest glauben das viele», sagt Mohr, der Vater einer kleinwüchsigen Tochter ist. Viele Firmen setzten Kleinwüchsige deshalb nicht im Kundenkontakt ein.

Dennis Weber steht vor einer Kundin und bereitet auf ihrem Arm die Vorlage für ein Rosen-Tattoo vor. Dabei ist er im Stehen immer noch kleiner als die junge Frau, die vor ihm sitzt. Eher zufällig ist Weber Tätowierer geworden. Eine Freundin, die mit ihm auf eine Schule für Gestaltung ging, fragte ihn, ob beide die Ausbildung zusammen machen wollten. «Ich habe das Gefühl, dass die Leute in der Tattoo-Szene toleranter sind», sagt er und verschränkt seine tätowierten Arme.

Für Webers Kundin ist der Kleinwuchs kein Problem. Und so sollte es auch sein, sagt Verbandspräsident Mohr. «Wenn meine Tochter im Sommer ins Schwimmbad geht, starren sie alle an. Wenn Kinder das tun, ist das noch in Ordnung, wenn Erwachsene das tun, ist das abartig», sagt er. Lieber solle der Kleinwuchs als eine Einschränkung betrachtet werden, mit der die Betroffenen mit Hilfsmitteln sehr gut leben können. «Dazu gehören technische Sachen wie etwa: Wie komme ich an den Fahrkartenautomaten oder wie finanziere ich den Umbau eines Autos?», sagt er.

Auch Webers Auto hat eine Pedalverlängerung, eine andere Sitzhöhe, und eine begrenzte Ladefläche. Besonders wichtig war das Fahrzeug für ihn, als er nach einer Operation lange Zeit im Rollstuhl sitzen musste. «Bei einer Operation am Rücken wurde mir ein Nerv durchtrennt, danach war das Laufen nach zehn Minuten schon anstrengend», sagt Weber.

Die Auslöser für Kleinwuchs können sehr unterschiedlich sein: Chromosomale Störungen, ein Wachstumshormonmangel oder eine Schilddrüsenunterfunktion. Darm- oder Nierenerkrankungen können zum Beispiel Auslöser für die Kleinwüchsigkeit sein, sagt der Freiburger Mediziner Prof. Karl Otfried Schwab. Einige Ursachen können behandelt werden, andere nicht. «Manchmal ersetzen wir Wachstumshormon oder Schilddrüsenhormone, wenn die fehlen sollten. Damit lässt sich in diesen Fällen die Erwachsenengröße deutlich verbessern», sagt er.

Bestimmte Formen der Skeletterkrankungen könnten unbehandelt zu Folgekrankheiten, zum Beispiel Osteoporose, und im schlimmsten Fall zum Tod führen. Deshalb sei die Betreuung dieser seltenen chronischen Erkrankungen durch speziell geschulte Ärzte so wichtig. «Die aufwendige Betreuung chronisch kranker Kinder ist finanziell aber nicht lukrativ, deshalb gibt es zu wenige Anlaufstellen mit spezialisierten Ärzten und die Kinder müssen manchmal bis zu einem dreiviertel Jahr auf die Behandlung warten», sagt er. In dieser Zeit  hätte aber viele untersucht und behandelt werden können - «vor allem weil wir nach einem gewissen Alter nichts mehr für die Größe tun können», sagt Schwab. Bei Mädchen sei das nach 16, bei Jungen nach 17 Jahren der Fall.

Ein Grund für die mangelnde Finanzierung ist auch die geringe Zahl der Betroffenen. In ganz Deutschland gibt es nach Angaben des Bundesverbandes für Kleinwüchsige rund 100 000 Betroffene, die kleiner sind als einen Meter fünfzig. Für Alltagsprobleme lassen sich einfach unkonventionelle Lösungen finden: Seine T-Shirts in den Kindergrößen 152 oder 164 kauft Weber im Internet, die Hosen lässt er kürzen, die Schuhe kommen aus Amerika, wo es solche kleinen Größen gibt. Im Arbeitsalltag sieht das aber anders aus. «Es muss sich noch sehr viel verbessern», sagt Mohr. Denn nicht alle Kleinwüchsigen finden über Umwege ihre Berufung - so wie Dennis Weber.


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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