Experten: Vorsicht bei Antigen-Schnelltests

13.01.2021
Corona-Schnelltests werden in vielen Altenheimen und Krankenhäusern eingesetzt. Doch Experten mahnen zu Vorsicht: Denn viele Tests halten bei weitem nicht, was die Hersteller versprechen.
Die vielfach eingesetzten Corona-Schnelltests sind Studien zufolge häufig unzuverlässig. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
Die vielfach eingesetzten Corona-Schnelltests sind Studien zufolge häufig unzuverlässig. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

München (dpa) - Die vielfach eingesetzten Corona-Schnelltests sind Studien zufolge häufig unzuverlässig. Die Empfindlichkeit der Antigen-Schnelltests ist demnach zum Teil erheblich geringer als von den Herstellern angegeben.

Das betonen deutsche Wissenschaftler des Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin zu Covid-19 in einem Positionspapier. Die Mediziner warnen dringend davor, die Hygieneregeln in Alten- und Pflegeheimen zu lockern, in denen Schnelltests häufig zum Einsatz kommen.

Anders als die sehr zuverlässigen PCR-Tests weisen Antigen-Schnelltests den Erreger nicht anhand seines Erbguts nach, sondern anhand bestimmter Virusproteine. Die Qualität solcher Verfahren testeten zwei Münchner Unikliniken an insgesamt 859 Abstrichen. Die Tests führte dabei Fachpersonal aus. Überprüft wurden der in Deutschland meistverwendete Schnelltest sowie ein zweites Produkt.

«Nach unseren Untersuchungen werden nur sechs von zehn Sars-Cov-2-Infektionen erkannt», sagt Oliver Keppler, Chef der Virologie am Max-Pettenkofer-Institut der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. «Anderseits erhalten auch zwei von hundert nicht-infizierten Personen ein falsch-positives Ergebnis.»

Schlechte Ergebnisse im Praxistest

Die Münchner stehen mit ihren Ergebnissen nicht allein. So wurden in der Notaufnahme des Stuttgarter Katharinenhospitals 459 Patienten mit zwei verschiedenen Verfahren getestet. Auch hier war die Zuverlässigkeit der Antigen-Schnelltests deutlich schlechter als die der PCR-Verfahren, insbesondere bei Patienten ohne Symptome.

Antigen-Schnelltests könnten zumeist «hochinfektiöse Menschen mit hohen Viruslasten» erkennen, erläutert Keppler. «Es ist jedoch nicht so, dass eine Infektion durch das negative Ergebnis eines Schnelltests zuverlässig ausgeschlossen werden könnte. Bei weitem nicht.»

Daher warnt der Mediziner: «Ein negativer Antigen-Schnelltest ist kein Freifahrtschein. Viele Menschen denken bei einem negativen Ergebnis: «Naja, dann muss ich ja nicht mehr so konsequent auf Abstand achten oder die lästige Maske tragen.» Wenn die Vorsicht in Hochrisikobereichen wie Alten- und Pflegeheimen nachlässt, halten wir das, wie in unserem Positionspapier dargestellt, für wirklich kritisch.»

Die Hersteller dürften mit ihren eigenen Angaben zur Testqualität werben, beklagt Kepler. «Das gleicht einer Fehlinformation. Wir haben in den letzten Wochen Ausbruchsszenarien gesehen, bei denen wahrscheinlich falsche Ergebnisse von Antigen-Schnelltests eine entscheidende Rolle für den Eintrag des Virus gespielt haben.»

Nur durch geschultes Personal testen lassen

Der Experte bemängelt nicht nur, dass die Antigen-Schnelltests selbst nicht sehr zuverlässig seien. Er betont, diese Tests müssten auch unbedingt korrekt durchgeführt werden. «Das sollte in Händen geschulten Fachpersonals sein», sagt er. «Nun gibt es die Idee, große Zahlen von Arbeitssuchenden zu rekrutieren, um solche Tests in Alten- und Pflegeheimen durchzuführen. Wenn ungeschultes Personal zum Einsatz kommt, habe ich Sorge, dass die Zuverlässigkeit der Testergebnisse noch weiter leiden wird.»

Die Ergebnisse von Schnelltests könnten nur dann hilfreich sein, wenn sowohl die Abnahme des Abstrichs gut sei, als auch der Test richtig durchgeführt werde. Und auch nach dem negativen Resultat eines Schnelltests müsse man die Hygieneregeln einhalten, betont Keppler: «Das ist extrem wichtig, insbesondere zum Schutz von Menschen mit dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs.»

© dpa-infocom, dpa:210113-99-10995/3

Positionspapier zu Antigen-Schnelltests

RKI zur nationalen Teststrategie


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
In Deutschland gibt es inzwischen viele Anbieter, die Schnelltests durchführen. In der Regel ist geschultes Personal dafür zuständig. Doch schon bald könnte es auch einen Test für den Hausgebrauch geben. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/ZB Lässt sich der Schnelltest bald auch selbst durchführen? Vielerorts in Deutschland kann man sich per Schnelltest auf Corona testen lassen. Noch muss geschultes Personal die Probe nehmen. Kann das bald auch jeder selbst? Es gibt Hoffnungen, aber auch einige Zweifel.
Das Ergebnis der PCR-Tests liegt im Normalfall frühestens nach einem Tag vor. Schnelltests könnten schon nach 20 Minuten Gewissheit bringen. Foto: Lino Mirgeler/dpa Corona-Schnelltests: Was können sie wirklich? Schnelltests erlauben einen Corona-Nachweis mit relativ wenig Aufwand. Erste Produkte werden erprobt und bereits eingesetzt. Was können die Tests leisten - und was nicht?
Patientenschützer warnen: In den letzten Wochen sei die Zahl der Anbieter von Schnelltests explodiert. Doch Die Qualität der Tests zeige deutliche Unterschiede. Foto: Kay Nietfeld/dpa Wie sicher sind Corona-Schnelltests? Zwei Hoffnungsschimmer zeichnen sich am Pandemie-Horizont ab: Neben Impfstoffen auch Antigen-Tests. Sind diese Schnelltests Hilfe oder könnten sie Menschen in falscher Sicherheit wiegen?
Laut dem Gesundheitsminister Jens Spahn sollen Corona-Schnelltests vorrangig in Pflegeheimen, Kliniken, Arztpraxen und Schulen eingesetzt werden. Foto: Kay Nietfeld/dpa Corona-Schnelltests sollen bald stärker zum Einsatz kommen Inziwschen sind Corona-Schnelltests zwar in größeren Mengen verfügbar, doch für eine beliebige Verwendung reichen sie bisher nicht. Wann und wo sollten die Tests also vorrangig zum Einsatz kommen?