Betriebsratsgründung braucht einen langen Atem

10.08.2020
Willkürliche Dienstpläne, ungleiche Löhne, ständiger Streit mit der Geschäftsführung: Anlässe, einen Betriebsrat zu gründen, gibt es viele. Es erfordert jedoch Zeit, Geduld sowie oft Kraft und Nerven.
Ein Wahlvorstand besteht in der Regel aus drei Mitarbeitenden und führt die Betriebsratswahl durch. Foto: Christin Klose/dpa-tmn
Ein Wahlvorstand besteht in der Regel aus drei Mitarbeitenden und führt die Betriebsratswahl durch. Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Maintal/Berlin (dpa/tmn) - Stimmt die Arbeitskultur im Unternehmen nicht, sinkt auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden. Doch Beschäftigte haben Möglichkeiten, ihre Interessen gegenüber der Geschäftsleitung zu kommunizieren und durchzusetzen. Dafür gibt es zum Beispiel Betriebsräte.

So ließ sich etwa Manuela Fritsche, Wohnbereichsleiterin in einem Pflegeheim, von Kollegen inspirieren. Die arbeiteten bei einem Rettungsdienst und hatten dort selbst einen Betriebsrat gegründet. Mit Unterstützung der Gewerkschaft Verdi organisierte Fritsche gemeinsam mit anderen Beschäftigten ihres Arbeitgebers eine Info-Veranstaltung, bei der direkt ein Wahlvorstand gewählt wurde. Dieses Gremium, das in der Regel aus drei Mitarbeitenden besteht, führt die Betriebsratswahl durch.

Fritsche rät, sich bei einer Betriebsratsgründung grundsätzlich an Gewerkschaften zu wenden. «Ohne Hilfe ist das ein Ding der Unmöglichkeit», sagt sie.

Respektvoll und bestimmt auftreten

«Kaum ein Arbeitgeber wird spontan «Hurra» rufen, wenn seine Belegschaft einen Betriebsrat gründen will», sagt Michael Bolte vom DGB-Bundesvorstand, zuständig für Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik.

Er rät, sich der Geschäftsführung gegenüber bestimmt, aber respektvoll zu verhalten. «Der Arbeitgeber muss sich laut Gesetz neutral verhalten und darf die Wahl nicht verhindern», sagt Bolte. Sobald ein Betriebsrat gegründet sei, ändere sich die Einstellung des Arbeitgebers meist schnell.

Fünf Beschäftigte sind Voraussetzung

Betriebsräte können in Betrieben mit mindestens fünf Beschäftigten gegründet werden. Auslöser sind oft konkrete Anlässe wie Entlassungen, unruhige Zeiten oder ein Missstand, der sich über einen langen Zeitraum hinzieht. Kerstin Jerchel, Bereichsleiterin Mitbestimmung bei der Verdi-Bundesverwaltung, nennt viele prekäre Beschäftigungsverhältnisse innerhalb eines Betriebs als Beispiel.

«Es gibt wenige Branchen, in denen es genug Betriebsräte gibt», so Boltes Einschätzung. Während in Betrieben mit mehr als 1000 Beschäftigten fast 100 Prozent einen Betriebsrat hätten, sehe es bei den kleinen mau aus. Sorgen macht dem Gewerkschaftsbund vor allem der mittlere Bereich mit 100 bis 500 Beschäftigten.

Im Dienstleistungsbereich - und generell in Branchen, in denen viele Frauen arbeiten - sei die Dichte an Betriebsräten gering. Auch in Unternehmen mit junger, fluktuierender Belegschaft seien Betriebsratsgründungen selten.

Mitbestimmungsrechte in vielen Bereichen

Auch bei Start-ups fehlt es häufig an Mitbestimmungsmöglichkeiten. Hier sei das Problem, dass sie oft sehr schnell sehr groß würden, erklärt Jerchel. Am Anfang gebe es flache Hierarchien, alles könne direkt mit dem Chef besprochen werden. «Das geht so lange gut, bis es an irgendeinem Punkt anfängt zu knirschen.»

Betriebsräte können in vielen Punkten mitbestimmen. Sie haben Einfluss auf Schichtpläne, Lohngestaltung und Weiterbildungsprogramme. Auch beim Aushandeln von Kurzarbeitsvereinbarungen - wie in der Corona-Krise - sind sie unabdingbar.

Betriebsräte unterstützen nicht zuletzt bei Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber. «Wir haben die Mitarbeiter darin gestärkt, auch mal «Nein» zu sagen, wenn sie überarbeitet sind», erzählt Manuela Fritsche. Auch anfangs skeptische Kolleginnen und Kollegen lobten nun die Arbeit des Betriebsrats.

© dpa-infocom, dpa:200807-99-79294/3


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Markus Gutfleisch arbeitet seit 2002 als Sozialarbeiter für einen Caritasverband in Nordrhein-Westfalen. Foto: Markus Gutfleisch Was Angestellte der Kirche wissen müssen Kann ich als Konfessionsloser für die christlichen Kirchen arbeiten? Und wie ist es mit der Mitbestimmung? Rund 1,3 Millionen Menschen sind für einen kirchlichen Arbeitgeber tätig. Für sie gilt zum Teil ein gesondertes Arbeitsrecht.
Die digitale Arbeitswelt ermöglicht es Arbeitgebern, ihre Mitarbeiter zu überwachen. Gesetzliche Datenschutz-Regelungen für Unternehmen reichen bisher nicht aus. Foto: Ralf Hirschberger Vorsicht, der Chef surft mit - Sorgen um Datenschutz im Job Wer sich im Internet bewegt, hinterlässt Spuren. Dass die auch der Vorgesetzte lesen kann, macht sich nicht jeder Arbeitnehmer klar. Die neue Datensammelwut sorgt ebenfalls für zunehmenden Kontrolldruck in Unternehmen.
Vorwärtsrotierende Systeme sind besonders sinnvoll. Dabei arbeiten sie in der ersten Woche im Frühdienst, dann im Spätdienst, am Ende folgt die Nachtschicht und dann die Erholungsphase. Foto: Sven Hoppe Was gilt beim Schichtdienst? Ob im Krankenhaus, im Kraftwerk oder bei der Polizei: In vielen Berufen arbeiten Menschen im Schichtdienst. Damit im Betrieb alles reibungslos abläuft, dabei aber auch die Gesundheit der Mitarbeiter nicht auf der Strecke bleibt, gibt es einiges zu beachten.
Was tun im Streitfall? Theoretisch haben Arbeitnehmer zwar viele Rechte. Vielen fällt es aber schwer, gegen Widerstände davon Gebrauch zu machen. Foto: Monique Wüstenhagen Wie Arbeitnehmer sich im Job durchsetzen Genug Pausen, Bildungsurlaub oder ein Ausgleich von Überstunden – Arbeitnehmer haben viele Rechte. Theoretisch. Doch wenn der Arbeitgeber nicht mitspielt, sind die schwer durchzusetzen. Hilft dann nur der Gang zum Anwalt? Oder geht es noch anders?