Auch nach 100 Jahren eine wichtige Bildungseinrichtung

19.09.2019
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr - würden sich alle an dieses alte Sprichwort halten, hätten die Volkshochschulen nicht viel zu tun. Aber jedes Jahr buchen Millionen Menschen Kurse und bilden sich weiter. Und das seit rund 100 Jahren.
Bildungsangebote im Internet machen den Volkshochschulen Konkurrenz. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Bildungsangebote im Internet machen den Volkshochschulen Konkurrenz. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Berlin (dpa) - An der Volkshochschule kann man so gut wie alles lernen: Von «Elektroautos bauen» über «Stricken macht Spaß - Häkeln ist Spitze» bis «Yoga zum Wochenausklang» - nur ein paar Beispiele aus dem aktuellen Angebot einiger Einrichtungen in Deutschland.

Doch Volkshochschulen sind mehr als Freizeit-Unis: Hier können Schulabschlüsse nachgeholt, Sprachen gelernt und anerkannte Kurse für die berufliche Weiterbildung belegt werden - und die Einrichtungen sind für alle offen.

In diesem Jahr feiern die Volkshochschulen ihr 100-jähriges Jubiläum.

Mit Inkrafttreten der Weimarer Verfassung 1919, in der sie explizit erwähnt wurden, stieg die Zahl der Neugründungen stark an. Heute erfreuen sich die Volkshochschulen nach Angaben des Deutschen Volkshochschul-Verbands (DVV) ungebrochener Beliebtheit: 700.000 Veranstaltungen, 18 Millionen Unterrichtsstunden, 9 Millionen Kursteilnahmen jedes Jahr - eine sinkende Teilnehmerzahl sieht der DVV nicht. Wohl aber einige Probleme oder zumindest Herausforderungen, vor denen die rund 900 Einrichtungen und ihre knapp 3000 Außenstellen in Deutschland stehen.

Die Digitalisierung ist eine der Herausforderungen:

Bildungsangebote im Internet machen den Volkshochschulen Konkurrenz. «Ja, da ist ein Parallelmarkt entstanden», sagt der Bildungsforscher und Geschäftsführer des Sächsischen Volkshochschul-Verbands, Ulrich Klemm. Das betreffe vor allem den Bereich der beruflichen Bildung. Bei Gesundheits- und Sprachkursen oder in der kulturellen Bildung sei das weniger der Fall. Da setzten die Leute weiter auf «Face-to-Face-Weiterbildung».

Beim Thema Digitalisierung fühlen sich die Volkshochschulen von der Politik auch ein bisschen allein gelassen: Während die Schulen Milliarden bekommen für schnelle Netze, Tablets, Smartboards und Lehrerfortbildung für digitale Medien, schauen die Volkshochschulen in die Röhre. Dabei müssten auch Erwachsene und Ältere im Umgang mit neuen Medien weitergebildet werden, kritisiert DVV-Direktor Ulrich Aengenvoort.

Er wünscht sich im Jubiläumsjahr generell mehr Unterstützung von der Politik. Weiterbildung wird seiner Ansicht nach zu eng gedacht mit einem zu starken Blick auf berufliche Weiterbildung. Dabei seien politische und kulturelle Bildung oder Bildung für nachhaltige Entwicklung, wie sie an den Volkshochschulen vermittelt wird, gleich wichtig. Der Verband verweist auch auf die gesellschaftliche Rolle, die die Volkshochschulen bei der Integration von Zuwanderern spielen, indem sie einen Großteil der Sprach- und Integrationskurse übernehmen.

Für Unruhe hatten zuletzt Pläne aus dem Bundesfinanzministerium gesorgt, die Umsatzsteuerbefreiung für Bildungsangebote neu zu sortieren. Die Volkshochschulen befürchten, dass damit Kurse künftig umsatzsteuerpflichtig und teurer werden könnten. Hier hat CDU-Chefin und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, die im Ehrenamt auch Präsidentin des Volkshochschul-Verbands ist, versucht, die Gemüter zu beruhigen. Bei der Steuerregelung gehe es um die Umsetzung europäischer Vorgaben. Das Bewusstsein und auch der politische Wille seien da, dies ohne Negativeffekt auf das Kursangebot von Weiterbildungsträgern umzusetzen. Auch der finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Lothar Binding, hatte schon zugesichert: «In den anstehenden parlamentarischen Beratungen werden wir dafür sorgen, dass die Bedenken der Bildungsträger zweifelsfrei ausgeräumt werden».

Und wo geht es hin für die Volkshochschulen?

In den nächsten Jahren würden Migration und Integration für uns weiter ein großes Thema sein, sagt Klemm. «Die allgemeine sprachliche Integration haben wir in den letzten drei, vier Jahren flächendeckend ganz gut hinbekommen. Der nächste Schritt ist nun die berufliche Integration. Das ist noch einmal eine Mega-Aufgabe».

Die Volkshochschulen müssten außerdem noch viel stärker herausheben, dass sie «stabile und nachhaltige Orte im Bereich Bildung, Begegnung und Beratung sind». Die Beratung und die Begegnung von Menschen werde im digitalen Zeitalter immer wichtiger. Das soll auch an diesem Freitag mit einer neuen Aktion deutlich gemacht werden: Hunderte Volkshochschulen in ganz Deutschland laden bis spät in die Nacht zum Tag der offenen Tür - beziehungsweise zur «langen Nacht der Volkshochschule».


Verfasser: dpa-infocom GmbH

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