Verstärken Selfies und Videokonferenzen den Schönheitswahn?

03.06.2021
Größere Augen, glattere Wangen - mit Fotofiltern ist das in sozialen Medien kein Problem. Immer mehr Jugendliche wollen aber ohne digitale Hilfe so aussehen, sagen plastische Chirurgen. Doch auch Erwachsene entwickeln in der Pandemie neue Schönheitswünsche.
Auch Erwachsene entwickeln in der Pandemie neue Schönheitswünsche. Foto: Friso Gentsch/dpa
Auch Erwachsene entwickeln in der Pandemie neue Schönheitswünsche. Foto: Friso Gentsch/dpa

Lindau (dpa) - Seit mehr als 30 Jahren erfüllt Werner Mang Schönheitswünsche. Immer mehr junge Patienten schicke er aber wieder weg, sagt der Leiter der Bodenseeklinik für plastische Chirurgie in Lindau. «Heute in der Früh hatte ich hier wieder ein 13 Jahre altes Mädchen, das die Nase von Kylie Jenner haben wollte.»

«Diese Entwicklung ist krank. Mark Zuckerberg hat Monster erschaffen», sagt der 71-Jährige, der schon Götz George die Nase richtete.

Soziale Medien und Fotofilter als Treiber eines neuen Schönheitswahns bei Jugendlichen? Auch der plastische Chirurg Alexander Hilpert sieht darin eine gefährliche Entwicklung. «Wer häufig Bilder von sich versendet, will auch schöner aussehen», sagt der 56-Jährige, der in Duisburg und Düsseldorf praktiziert. «Das hat sich in den letzten Jahren extrem verstärkt, diese Anfragen kommen inzwischen täglich.»

Verlässliche Zahlen dazu liegen der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) nicht vor. In seiner Jahresstatistik 2020 erfasste der Verband nur tatsächlich vorgenommene Eingriffe und die Motivation dazu, nicht aber die abgelehnten Anfragen. Demnach legten Patienten nur in 2,3 Prozent der Fälle digital bearbeitete Vorlagen von sich selbst als Zielvorstellung vor - ein Minus von 11,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Schön gemorphte Vorbilder

«Die Statistik ist Corona geschuldet», sagt Hilpert. «Ich gehe ganz sicher davon aus, dass diese Anfragen wieder ansteigen.» Schließlich seien Jugendliche während der Pandemie noch häufiger im digitalen Raum unterwegs als zuvor. «Die Leute sehen dort nur noch schön gemorphte Vorbilder», betont Hilpert. «Und wenn man Tänze auf Tiktok nachmacht, möchte man oft auch so aussehen.»

Der Ende vergangenen Jahres vorgestellten JIM-Studie zufolge haben Jugendliche im Pandemie-Jahr 2020 Instagram, Snapchat, Tiktok und Co. gegenüber dem Vorjahr häufiger genutzt. Am deutlichsten war der Anstieg demnach bei Tiktok: Die Zahl der Jugendlichen, die angaben, die App mindestens mehrmals wöchentlich zu nutzen, stieg um 19 Prozent. Besonders beliebt war die App bei 12- bis 15-Jährigen.

Strengere Kriterien bei der Ausbildung von Chirurgen

Wer Vorbildern dort oder seinem eigenen Filter-Selfie ähnlicher werden wolle, schicke man wieder weg, betonen Mang und Hilpert. «Es ist aber klar, dass die dann woanders hingehen», sagt Mang. «Oft kommen sie dann leider wieder zu mir, wenn der Schaden schon entstanden ist.» Mang fordert deshalb strengere Kriterien bei der Ausbildung von ästhetisch-plastischen Chirurgen.

«Das ist ein Wildwuchs», sagt Mang. «Es ist möglich, dass jemand eine Nase operiert, ohne das vorher jemals in der Ausbildungszeit getan zu haben.» Bei der Suche nach einem Arzt solle man deshalb auf den Titel «plastische Chirurgie» oder «plastische Operationen» achten.

Abseits dessen gebe es viele Fachärzte aus anderen Bereichen, die sich durch Schönheitseingriffe Geld dazuverdienten, sagt Alexander Hilpert. Sie dürften sich Schönheitschirurgen nennen, weil dies keine geschützte Berufsbezeichnung sei. «Sogar Heilpraktiker dürfen dem Gesetz nach Falten unterspritzen, die Ausbildung kann man auch online machen», sagt Hilpert. «Dabei muss man da schon Ahnung von Anatomie haben, um zum Beispiel nicht wichtige Blutgefäße zu treffen.»

Um Eingriffe durch unqualifizierte Anbieter zu vermeiden, empfehle er jungen Patienten oft, einfach ein paar Jahre später wiederzukommen, sagt Hilpert. «Dann kriegt man auch einen kleinen Rabatt.»

Besser aussehen bei der Videokonferenz

Doch auch Erwachsene sehen sich wegen der Corona-Pandemie immer öfter selbst auf dem eigenen Bildschirm: Video-Konferenzen gehören für viele Arbeitnehmer im Homeoffice inzwischen längst zum Alltag. Nach Angaben der DGÄPC ging es bei Schönheitseingriffen 2020 auffällig häufig um Veränderungen im Gesicht.

«Viele haben sich in der Corona-Zeit ständig selbst bei Zoom gesehen», sagt Hilpert. «Viele kommen deshalb und sagen, sie hätten gern eine Augenlid-Operation.» Videokonferenzen zeigten das Alter der Teilnehmer eben «schonungslos», sagt Klinikleiter Werner Mang. Angaben der DGÄPC deuten darauf hin, dass das auch im Fernunterricht der Fall war: 27 Prozent der Mitglieder gaben an, dass Lehrer im Frühjahr 2020 häufiger als üblich in ihre Praxis kamen.

«Schönheitspapst» Werner Mang bleibt auch bei diesen Eingriffen zurückhaltend. Er selbst habe sich noch nie unters Messer gelegt, betont der 71-Jährige. «Ich bin stolz auf meine Tränensäcke.»

© dpa-infocom, dpa:210603-99-846386/11

DGÄPC-Jahresstatistik 2020

JIM-Studie


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Frisch und natürlich - so schminkt Max Factor Global Creative Design Director Pat McGrath die Models für Gucci bei der Mailänder Fashion Week für Spring/Summer 2016. Foto: Max Factor Zehn Tipps für den perfekten Frühlingsstart Das passende Make-up, die richtige Pflege fürs Auto sowie Ratschläge für Gärtner, Skifahrer und Hausbesitzer: Mit diesen Tipps gelingt der Start in den Frühling.
Eine Seife der Sorte Sniffles liegt im Laden des Seifenherstellers Housed Wolf GbR in Nürnberg auf einem Tisch. Foto: Timm Schamberger/dpa Das Comeback der Seife Seife gilt als altmodisch. Doch das ändert sich gerade. Seifen sind wieder gefragt - für Hände, Körper und auch Haare. Denn sie schonen die Umwelt und sparen Plastikmüll.
Zwei spielbegeisterte Standmitarbeiter in Essen testen «Azul», das mit dem Deutschen Spielepreis 2018 ausgezeichnet wurde. Foto: Roland Weihrauch Analoge Spiele sind wieder Trumpf Mitten im digitalen Gamer-Hype boomen analoge Brett- und Kartenspiele. Von wegen altmodisch. Emotionen rauslassen, tricksen, das Wir-Gefühl spüren - die internationale Messe Spiel '18 in Essen startet rekordverdächtig.
Trend mit Zukunft: Das Jet-Peel ist eine Methode der Hautverjüngung, bei der ein Wasser-Gas-Gemisch mit Überschallgeschwindigkeit auf die Haut geschossen wird und dabei die obere Hautschicht abträgt. Anschließend werden hochwirksame Substanzen wie Hyaluronsäure und Vitamine in die Haut gebracht. Foto: Tobias Hase Zukunft der Schönheit: Sonnenschutz, der mitdenkt Getüftelt wird nicht nur an neuen Smartphones oder besseren Autos. Auch die Beauty-Branche sucht nach neuen Möglichkeiten, Mittel wirksamer zu machen, die Haut schöner und straffer strahlen zu lassen. Wie sieht die Zukunft der Beauty aus?