Auf Schatzsuche - Vintage-Mode ist eine Reise durch die Zeit

01.03.2016
Vintage-Läden erwecken eine längst vergessene Zeit wieder zum Leben. Wer sich darauf einlässt, kann einen einzigartigen Stil kreieren - und durch die Jahrzehnte reisen. Und Vintage-Mode hat noch einen weiteren Vorteil.
Eine ausgebeulte Lederjacke kann Geschichten erzählen - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Foto: Franziska Gabbert
Eine ausgebeulte Lederjacke kann Geschichten erzählen - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Foto: Franziska Gabbert

Berlin (dpa/tmn) - Nicht weit von dem Blazer mit Leopardenmuster hängt eine ausgebeulte schwarze Lederjacke mit Nieten. Nur schwer zu übersehen ist die lilafarbene Strickjacke mit Glitzerapplikationen, die in Kombination mit der weißen Hippiespitzenbluse sicherlich - sagen wir - speziell aussehen würde.

Im Berliner Vintage-Laden «Made in Berlin» reisen Kunden durch die Zeit. Hier kommen sich Flower-Power-Schlaghose und Schulterpolsterjackett ganz nahe, hier flirten Marlenehose und Cowboystiefel heftig miteinander.

«Vintage-Sachen haben eine Geschichte, und die ziehe ich an», erklärt Personal-Shopperin Andrea Lakeberg aus Berlin. Doch Vintage ist nicht gleich Vintage. Es gibt Designer-Second-Hand-Läden. «Und da kann so eine tolle Handtasche von Chloé oder Fendi, die schon 20 Jahre auf dem Buckel hat, richtig teuer sein.» In solchen Läden gibt es zeitlose Klassiker, Liebhaberstücke. Und dann gibt es auch noch das genaue Gegenteil: Sachen zum Kilopreis. «Da ist auch viel Ramsch bei», sagt Lakeberg.

Und es gibt Vintage-Mode, die irgendwo in der Mitte liegt. Hier geht es nicht um den Preis, die Kleidung ist weder besonders teuer, noch besonders billig. Es sind Stücke aus einer anderen Zeit, oft ausgefallen, manchmal sehr speziell, teils repräsentativ für ein bestimmtes Jahrzehnt: eine Cat-Eye-Sonnenbrille à la Audrey Hepburn. Eine 80er-Jahre Neonleggins. Ein Flanellhemd, das auch Kurt Cobain gefallen hätte.

Doch worin liegt der Reiz, getragene Klamotten zu kaufen? «Es geht um das Gefühl, dass in dem Paillettenkleid schon mal jemand eine wilde Partynacht gefeiert hat», sagt Lakeberg. Es sei eine sentimentale Reise. Und wer Vintage kauft, kauft oft Unikate. So ist es auch die Idee der Einzigartigkeit, die dahintersteckt. «Es geht nicht darum, dass man sich neu nicht leisten kann.» Vielmehr könne die abgeranzte Lederjacke einfach niemand nachkaufen.

«Es ist der alte Jäger und Sammler in uns», beschreibt es Modeexperte Joachim Schirrmacher von der Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie. Vintage gebe die Möglichkeit, einen individuellen Stil zu kreieren. Mit der Massenmode der großen Ketten sei das nur schwer zu machen. Doch er betont noch etwas anderes: «Ein Produkt ein Leben lang zu tragen, bis es wirklich auseinanderfällt, ist natürlich nachhaltiger, als es neu zu produzieren.» Ein Kleidungsstück nur einmal anzuziehen und es dann wegzuwerfen - das sei ökologisch verheerend. Das Vintage-Konzept ist das Gegenteil von Wegwerfmentalität.

Das beobachtet auch Leila Mesgarzadeh, Geschäftsführerin des Unternehmens Modemarkt Freestyle, zu dem auch der Vintage-Laden «Made in Berlin» gehört. Für einige ihrer Kunden steht der Nachhaltigkeitsgedanke im Vordergrund. «Diese Käufer lehnen Fast Fashion ab und möchten mit ihrem Einkauf, also dem «Weitertragen» von Kleidungsstücken, ein Zeichen für Ressourcenschonung und Umweltschutz setzen», erklärt sie. Andere möchten lieber eine originale Schlaghose aus den 70er Jahren tragen als ein Duplikat von 2015.

Mesgarzadeh bezeichnet sich selbst als einen ihrer treusten Kunden. «Individualität und Nachhaltigkeit sind Teile meines Lebensstils.» Sie liebt besonders Mäntel und Kleider aus den 60er und 70er Jahren. Doch wie stylt man so ausgefallene Klamotten? «Ich würde mich jetzt nicht von Kopf bis Fuß darin kleiden», rät Lakeberg. Sie empfiehlt, die Vintage-Stücke als Eyecatcher einzusetzen.

Die Personal Shopperin findet allerdings, dass auch die Qualität der Kleidungsstücke eine Rolle spielt. Denn nur weil es eine alte Designertasche ist, muss das Innenfutter nicht zerfleddert sein. «Die Sachen müssen auf jeden Fall intakt sein.» Gleichzeitig ist es ihr wichtig, auf die Kleidung zu achten. Denn bei guter Pflege könnten hochwertige Stücke womöglich noch einmal 20 Jahre überdauern.

Das Wichtigste beim Vintage-Shopping sei aber das Kauferlebnis an sich, betont Lakeberg. In einen normalen Laden gehen und nach dem Shirt in seiner Größe fragen - das könne jeder. Vintage-Shopping ist viel intensiver, eine Reise ohne konkretes Ziel. Der Fund kann am Ende alles sein: ein Plisseekleid aus den 1960er Jahren, ein Wollpulli im Omastil oder eine pinke Glitzerweste. «Es ist eine Schatzsuche.»


Verfasser: dpa-infocom GmbH

KEYWORDS

TEILEN


Das könnte Sie auch interessieren
Kleinere und günstigere Versionen des Wandgartens wirken wie Bilder im Rahmen. Foto: Optigrün Pflanzen ersetzen die Tapete Alles, was grünt, scheint nun total gefragt zu sein. Viele Menschen legen wieder Gemüsegärten an, interessieren sich für Pflanzenpflege - und holen sich wieder mehr Grünes ins Haus. Dazu passt ein neuer Einrichtungstrend: ganze begrünte Wände im Wohnraum.
Es kann losgehen: Bereit fürs Deutschlandspiel mit einem Augen-Make-up in den Farben Schwarz-Rot-Gold. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-tmn Schminktipp fürs nächste WM-Spiel der Deutschen Ob im WM-Trikot oder mit einer Deutschlandflagge auf der Backe: Fußballfans rüsten sich für das nächste Spiel der deutschen Nationalmannschaft. So passt auch das Augen-Make-up zum Anlass:
Das macht Spaß: L'Oréal Professionnel färbt für seinen Beispiel-Look namens #UNICORNHAIR die Längen und Spitzen in fröhlichen Farben ein. Foto: L_Oréal Professionnel/dpa-tmn Bunte Haare - der neue Hit aus dem Friseursalon Dieser Trend ist ungewöhnlich für das modisch eher konservative Deutschland - doch er wird sich Experten zufolge noch eine ganze Weile halten: Besonders junge Mädchen und Hipster färben ihr Haar derzeit puderrosa, strahlendblau oder kräftig pink.
Eine Sonnenbrille im Cate-Eye-Stil wie hier von Mango (ca. 20 Euro) eignet sich für Menschen mit einem eher runden Gesicht. Foto: Mango Auffällig, bunt, verspielt - Die Sonnenbrillen-Trends 2016 Sonnenbrillen sind längst mehr als der reine Schutz vor UV-Strahlen. Sie haben sich zum unverzichtbaren Accessoire für den Sommer gemausert. Im Jahr 2016 müssen die modischen Brillen vor allem eins: auffallen.